Online: 02.03.2015 - ePaper: 03.03.2015

Planspiel nur ein reines Glücksspiel

Betrifft: Artikel "Erfolgreiche Börsianer aus Lüchow-Dannenberg" (EJZ vom 11. Februar)

Sehr gern möchte man sich mit den "erfolgreichen" Schülern freuen, die im Börsenspiel der Sparkasse Preise gewonnen haben. Leider gibt es aber noch einige offene Fragen, mit denen sich die verantwortlichen Lehrer im Rahmen einer didaktischen Analyse hätten beschäftigen müssen: Was können die Schüler in einem "Planspiel Börse" tatsächlich lernen? Welche Auswirkungen hat das Gelernte auf die Schüler selbst und für die Gesellschaft?

Antworten können an dieser Stelle nur in stark geraffter Form gegeben werden, zeigen aber ein gemischtes Bild, das nachdenklich stimmen sollte: Die Schüler erfahren etwas über einen real existierenden Wirtschaftszweig und lernen tragende Begriffe wie Aktie, Dividende, Rendite, Börse, Aktienhandel, DAX und so weiter kennen. Daneben lernen sie aber auch, dass man allein durch Spekulation, also ohne jegliche Wertschöpfung, mit Aktienhandel viel Geld gewinnen kann (die Siegergruppe hat eine traumhafte Jahresrendite von 72 % erzielt). Ob beabsichtigt oder nicht, wird hiermit auch die menschliche Gier gefördert.

Hoffentlich haben die Schüler auch gelernt, dass man genau so schnell viel Geld verlieren kann. Genauer gesagt: An der Börse geht kein Geld verloren, es wechselt nur den Besitzer. Die größten Chancen für Kursgewinne liegen bei denjenigen, die Zugriff auf Hintergrundinformationen haben oder kraft ihrer Wirtschaftskraft die Kurse selbst beeinflussen können. Schüler haben aber nicht die geringste Chance, den Mechanismus zu durchschauen, der das Steigen und Fallen von Börsenkursen bestimmt.

Mit anderen Worten: Für sie ist das Börsenspiel kein "Planspiel", sondern ein reines Glücksspiel, sieht man einmal davon ab, dass sich durch breite Streuung der Aktienkäufe das Risiko etwas verringern lässt. Soll man Schüler zum Glücksspiel ermuntern? Didaktisch lässt sich das wohl nicht rechtfertigen. Dass Geldinstitute das dennoch versuchen, hat einen einfachen Grund. Zum einen verdienen sie an jedem Aktiengeschäft über Provisionen und Depotgebühren. Zum anderen erhöhen sie die Akzeptanz für einen ethisch fragwürdigen Vorgang, nämlich das Abschöpfen leistungsloser Renditen durch Kapitaleigner, was überdies auch noch steuerlich günstiger gestellt ist als Einkünfte aus wertschöpfender Arbeit.

Die Schule sollte entweder die Analyse des gesamtwirtschaftlichen Hintergrundes zum Thema Börse in den Lehrstoff mit einbeziehen oder, wenn sie das aus Zeit- oder anderen Gründen nicht schafft, insgesamt die Finger davon lassen. Anderenfalls setzt sie sich dem Verdacht aus, Beihilfe zur Manipulation ihrer Schüler zu leisten.

Johann E. P. Strauß, Leisten

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