Online: 06.03.2015 - ePaper: 07.03.2015

Keinen Schimmer von Güterverkehr

Betrifft: Leserbrief "Bahntrasse bringt dem Landkreis keine Vorteile" von Christian Guhl (EJZ vom 24. Februar)

Die ganze Argumentation der Güterbahn-Gegner zeigt einen eklatanten Wissensmangel im Bezug auf Schienengüterverkehr und Logistik im Allgemeinen. Da wird das völlig unrealistische Schreckgespenst von mit 160 km/h dahinrasenden Güterzügen im Sieben-Minuten-Takt an die Wand gemalt. Der Güterverkehr auf der Schiene wird hier mit einer Art unrealistischem, S-Bahn-artigem Güterschnellverkehr verwechselt, und das könnte daran liegen, dass der Autor nur den Personenverkehr auf der Schiene kennt und von Güterverkehr und Logistik keinen Schimmer hat.

In den USA, wo die Schiene im Güterverkehr einen Marktanteil von etwa 45 Prozent mit steigender Tendenz hat (zum Vergleich EU: etwa 17 Prozent mit fallender Tendenz), also ganz offensichtlich rein wirtschaftlich sehr erfolgreich ist, sind viele Güterzüge, auch auf neu gebauten Strecken, verhältnismäßig langsam unterwegs. Aber, und das ist das Entscheidende, sie fahren. Bei uns stehen Güterzüge häufig herum, weil Personenzüge immer Vorrang haben und viele Ausweichgleise und parallele Alternativstrecken in der Vergangenheit abgebaut wurden. Es kommt bei der Planung einer alternativen Strecke nicht auf irgendwelche Höchstgeschwindigkeiten der Züge an, sondern nur auf eine Entflechtung von schnellem Personenverkehr und dem langsameren Güterverkehr. Es genügt also vom wirtschaftlichen Standpunkt her betrachtet, wenn ein Güterzug 60 bis 80 km/h fährt, Hauptsache, er muss nicht dauernd quietschend anhalten und dann lärm- und energieintensiv wieder anfahren.

Der befürchtete Sieben-Minuten-Takt wäre bei einer eingleisigen Strecke aber nicht nur durch das ständige Anhalten der sich begegnenden Züge in den Ausweichstellen unwirtschaftlich, sondern durch die Länge und Anzahl der benötigten Ausweichen technisch unmöglich. Herr Guhl beweist also, dass er schlicht keine Ahnung von der Materie hat, wenn er von diesen Horrorszenario schwadroniert. Eine derart dichte Belegung mit Zügen ist übrigens auch wirtschaftlich nicht notwendig, denn in den USA fährt auch auf neu gebauten Strecken häufig nicht mehr als ein Zug pro Stunde und Richtung, und dennoch rentiert sich diese Investition offenbar, sonst würde sie in einem Land, wo es kaum öffentliche Fördermittel gibt, nicht getätigt. Für den Personenverkehr auf der Wendlandbahn bliebe genügend Platz, er müsste also auch bei einem Ausbau der Strecke entgegen der Horrormärchen des Herrn Guhl nicht eingestellt werden, sondern würde von der wieder hergestellten Verbindung nach Osten sogar profitieren.

Die, betrachtet man die Leserbriefen von Herrn Guhl und anderen, offenbar besonders gehassten doppelstöckigen Züge schließlich vermindern nicht nur die Zugfrequenz, sondern auch den Energieaufwand und vor allem den Lärm pro bewegter Einheit, denn die obere Reihe an Containern gibt ja mangels Achsen und Bremsen keinerlei Lärm ab. Wer meint, beim Betrieb von Doppelstockzügen müsse man auch die Lärmschutzwände doppelt so hoch bauen, hat also wohl im Physikunterricht geschlafen.

Rolf Schulze, Trebel,

Vorstandsmitglied des

Fahrgast-Rates

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