Online: 06.03.2015 - ePaper: 07.03.2015

Keine Kuschelzug-Romantik

Betrifft: Leserbrief "Moderater Verkehr" von Thorsten Hensel (EJZ vom 3. März)

Als Bahndummie, aber mit Märklin-Diplom aus frühester Jugend, habe ich doch gelernt, nicht jedem Bahnexperten auf den Leim zu gehen. Der Fahrgast-Rat hält es also für technisch unmöglich, Güterzüge im Sieben-Minuten-Takt rollen zu lassen und verweist auf die langsam aber stetig rollenden Züge in den USA. Das macht mich doch sehr stutzig.

Vielleicht hat der Rat ja die dritte Änderung der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) verpennt, die die zulässige Geschwindigkeit für Güterzüge auf dem Netz der DB von 100 km/h auf 120 km/h heraufsetzte (in Kraft getreten am 1.12.2012). Seit 1991 (mit kurzer Unterbrechung 1995 bis 1997) fuhr auf der Schnellfahrstrecke Hannover-Würzburg der InterCargoExpress, inzwischen durch den Parcel Intercity abgelöst, mit 160 km/h. Jede Nacht zwischen 22 und 6 Uhr von Nord nach Süd und umgekehrt, weil dann die Strecke nur für den Güterverkehr genutzt wird.

Anfang 2000 fuhren 120 km/h schnelle Güterzuge hier im Sechs-Minuten-Abstand. Inzwischen hat sich das etwas verlangsamt. Es fahren seit 2009 täglich in den acht Stunden des nachts 62 Güterzüge. Macht also einen Takt von knapp unter acht Minuten. Der französische TGV postal rauscht sogar mit 300 km/h als Güterexpress durch die Landschaft. Da können natürlich die 60 km/h-Züge aus den USA nicht mithalten. Und wenn der TGV nach zwei Stunden am Ziel ist, der Lokführer längst zu Bett gegangen ist, zuckelt der TransPacific-Güterzug unentwegt durch die Nacht und der Lokführer singt die ganze Zeit "Good Morning America how are you?"

Der Fahrgast-Rat will nicht wahrhaben, dass vor Wittenberge ein zehn Hektar großer Verschiebebahnhof entstehen soll, der Teil des Breimeier-Konzeptes ist und den Knoten Maschen entlasten soll. Das ist dringend nötig, damit auch der Hamburger Hafen weiter wachsen kann und die jährlich größeren Gütermengen auch verteilt werden können. Diese Planung hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Varianten, die dem Dialogforum vorliegen: Sie entlastet den Verschiebebahnhof Maschen! Als Zuckerstück bekommt man eine hochtechnische, zweigleisige Bahnlinie bis Dannenberg und eingleisig weiter bis Wittenberge. Aber, und die Frage geht an den Fahrgast-Rat, wieso braucht man die Doppelgleisigkeit nur bis Dannenberg? Gibt es größere Gütermengen, die hier - nahe Dannenberg - verbraucht oder entsorgt werden? Kommen da vielleicht noch ganz andere Interessen ins Spiel? Sachlichkeit ja! Aber bitte keine Kuschelzug-Romantik à la City of New Orleans!

Willy Hardes, Braasche

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