Online: 31.03.2015 - ePaper: 01.04.2015

Ärztliche Sorgfaltspflicht nicht verletzen

Betrifft: Schutzimpfungen

Diskussionen über medizinisches Fachwissen, hier zum Komplex Impfungen, sollten frei von Emotionen und persönlichen Meinungen auf der Basis wissenschaftlich gesicherter Fakten und Zahlen erfolgen. Der Leserbrief von Herrn Kollege Waltke wird diesem Anspruch leider nicht gerecht. Er beklagt Angst und Schuldgefühle impfkritischer Eltern als Folge ihrer Kontakte zum Kinderarzt, stellt erstaunliche Mutmaßungen über diverse chronische Erkrankungen als mögliche Folge "komplexer Eingriffe" in das Immunsystem an und lässt schlussendlich das Immunsystem in "fester Überzeugung" als "nicht unerhebliche Folge der Impfungen" zusammenbrechen. Seriöse Studien, die seine persönlichen Empfindungen ad absurdum führen könnten, benennt er nicht.

Recht aufgrößtmöglicheGesundheit"

Die moderne Kinderheilkunde empfiehlt Impfungen als die erfolgreichste medizinische Vorbeugemaßnahme unserer Zeit. Sie findet hierbei Bestätigung und Rechtfertigung in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen und der WHO, die "jedem Kind das Recht auf größtmögliche Gesundheit" und damit auf "Impfungen gegen verhütbare Krankheiten" zusprechen. Nach Angaben der Vereinten Nationen sterben weltweit - vor allem in Entwicklungsländern - jährlich etwa drei Millionen Kinder an Infektionskrankheiten, die durch Impfprogramme hätten verhindert werden können. Vergessen wir jedoch nie, dass auch unsere Industrienationen noch vor Jahrzehnten genau diesen Gesundheitsstatus bezüglich vieler Infektionskrankheiten hatten.

Dank einer wissenschaftsbasierten Medizin und Gesundheitsvorsorge sind viele einst tödlich verlaufende oder mit schweren Folgeschäden belastete Infektionen in unseren Ländern selten geworden oder konnten weltweit ausgerottet werden. Als Beispiele dieser Impferfolge seien genannt: Pocken, Wundstarrkrampf, Diphtherien, Kinderlähmung, Masern, aber auch Röteln, Keuchhusten und andere. Der Normalbürger begegnet diesen Erkrankungen folglich nur mehr selten, weiß nicht mehr viel von ihrer Lebensbedrohung oder schwersten Schädigungsgefahr, wenn Kinder an Diphtherie zu ersticken drohten oder bei einer Polioinfektion mit gelähmten Gliedmaßen erwachten.

Nur wenige Zahlen: Nach Impfungsbeginn sank in den USA die Sterberate an Diphtherie, Mumps, Keuchhusten und Tetanus um 99 Prozent und die Erkrankungsrate um über 92 Prozent. In Deutschland sank die Erkrankungsrate an Kinderlähmung nach Impfeinführung um 99 Prozent. Die Sterberate infolge einer Tetanusinfektion betrug vor der Impfära 20 bis 50 Prozent! Auch heute sterben laut WHO weltweit noch jährlich 380000 Menschen an dieser Infektion.

Natürlich kann eine Impfung auch heute nicht alle Erkrankungsprobleme lösen, ist ein Eingriff mit möglichen Nebenwirkungen, bedarf einer sorgfältigen Aufklärung und Dokumentation. Die Unterlassung einer Routineimpfung im Kindesalter aber bedeutet auch - siehe WHO - nach Meinung vieler für das Kindeswohl engagierter Experten eine Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht.

↔Dr. Dietrich Lucas, Beseland

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