Online: 08.05.2015 - ePaper: 09.05.2015

Und ewig droht der Baggerzahn

Betrifft: Mühlentor-Projekt in Dannenberg

Dannenberg wird Weltstadt. Einkaufszentren sollen Käuferschichten erschließen und Einzelhandel retten. Fakten: Bevölkerung schrumpft, Kaufkraft sinkt, Ketten und Online-Handel greifen immer höhere Anteile des kleiner werdenden Kuchens ab. In der Einkaufsmeile Jeetzelallee werden Käufer mit Billigstschrott geschröpft. Wertschöpfung.

Konkurrierende Planer und Investoren spielen mit den Mitgliedern des Dannenberger Stadtrats Pinpong, und die lassen sich das gefallen. Projektierer mauscheln mit Teilen der Verwaltung weitgehend im Verborgenen. Bürgerversammlungen, die offen Planungen vergleichen, gibt es nicht und sind von der größten Stadtfraktion, den Grünen, und ihrer Bürgermeisterin nicht gewollt. Allenfalls wenn alles eingetütet ist.

Ratsleute und Bevölkerung werden mit sogenannten Ankermietern geködert (wie C & A), die aber immer wieder abspringen. Wie das ausgehen kann, zeigt aktuell Uelzen, wo ein Gebiet fertig geplant wurde und nun laut Verwaltung kein Einfluss mehr besteht, wer sich da ansiedelt.

Neukauf/Edeka will wie Konkurrent REWE modernisieren, nicht größer, nicht mehr, nur schöner, bunter. Das könnten sie an Ort und Stelle, denn sie versorgen mit REWE zusammen die größten Dannenberger Stadtteile Develang und Westsiedlung ortsnah. Sie könnten es auch am Gotenweg, auf blankem Acker neben der Bundesstraße 191. Aber nun die Jahrhundertidee der Projektierer, gestützt durch Bürgermeisterin, Stadtmarketing und Werbegemeinschaft: Die Querdeichgärten sollen geopfert werden, ein kulturhistorisches Kleinod mit hohem naturschutzfachlichen Potenzial. Dannenberg ist nicht bereit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen: Während der Stadtsanierung in den 80er-, 90er-Jahren wurden die Flussläufe durch die Stadt zerstört. Sie mussten Beton, Straßen und Einkaufstempeln weichen.

In den 90ern plante der Stadtrat zukunftsgewandt im Querdeichbereich ein urbanes Wohngebiet für junge Familien mit Kindern: innen autofrei, Garagen im Lärmschutzwall, vorbildliche Gemeinschafts-Energieversorgung. Ideal, alles zu Fuß erreichbar: Kita, Schulen, Einkaufen, Freizeit, Sport. Und das alles unter Erhaltung der Gärten als grüner Lunge sozusagen. Herausgekommen sind statt dessen Senioreneinrichtungen, die das DRK mit Assistenz von Handwerksbetrieben in die Querdeichgärten ausweiten will.

"Und ewig droht der Baggerzahn" - die Veränderung der Stadt: So hieß eine Bilderserie von J. Müller in den 70er-Jahren, sie hing im Kinderzimmer meines Sohnes. Klar, es passiert überall anders, aber das Prinzip ist gleich. Statt Entschleunigung Straßenausbau, statt maßvollem Verhalten ungebremster Konsum, statt sozialem Miteinander gewinnsteigernde Freizeitgestaltung. Und über allem schwebt derselbe Fetisch: Wertschöpfung. Selbst Müll, Umweltzerstörung und menschliche Deformation fallen darunter.

Wie wahr ist die Liedzeile von BAP: "Fortschritt, der sich avfind med jedem Verlust…" Fortschritt?

Kurt Herzog, Dannenberg

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