Online: 09.06.2015 - ePaper: 10.06.2015

Eine wahre Friedensbotschaft

Betrifft: Nazi-Prozess

Nun scheint ja die ganze Welt den Blick auf Lüneburg gerichtet zu haben wegen des wohl letzten NS-Prozesses der Nachkriegsgeschichte. Ein mittlerweile 93-jähriger Mann, ehemals Bediensteter des NS-Deutschlands, bricht sein Schweigen. Spricht über das, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Über Stunden lässt seine Seele das los, was auf ihm seit nunmehr als 70 Jahren lastet. Alles? Ich glaube nicht. Nun passiert ein - für mich - Wunder: Eine Auschwitz-Überlebende steht auf, geht zu ihm hin und sagt: "Ich verzeihe Ihnen!" Vielen weltweit stockt der Atmen, und ich zu Hause im Wendland, obwohl ich mit der Sache nichts zutun habe, breche in Tränen aus - vor Freude und Mitgefühl. Und mir fallen auch die Worte von unserem Jesus Christus am Kreuz ein, die er, dem Tode nahe, sagte: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Verzeihen ist bestimmt einfacher als vergessen, aber wenn es vom Herzen kommt, dann befreit man auch nicht nur seine eigene Seele, die voller Kummer steckt, sondern auch dem, der die Hand reicht.

Oft kann es eine Weile dauern, bis dieser Friedenssame in seinem Gegegenüber aufgeht. Doch tiefe Wunden wollen und müssen auch von unten her heilen, und wie in diesem Fall kann eine eklige, ständig eiternde Wunde, die immer und immer wieder neu aufgerissen wurde, jetzt heilen durch eine wahre Friedensbotschaft. Ein kurzes Shalom hätte da nicht gereicht, aber ein "Ich verzeihe dir" mit einem Händedruck und einer scheinbar nicht zu überwindenden Geste, aber es ist der mutigen Frau gelungen, durchzuatmen und den Stein des Anstoßes wegzulegen und einfach mal "Friede sei mit dir" so zum Ausdruck zu bringen, dass die Welt es jetzt auch als Signal bekommen haben muss. Die Frau hat alle Angst überwunden und tut das einzig Richtige, um selbst auch ihrem Heilungsprozess ein Ende zu geben.

Ich im Wendland kenne das Gefühl, wenn man das Schweigen bricht und mindestens 20 Augenpaare und deren mentale Zeigefinger auf einen gerichtet sind, bloß weil man Unrecht nicht ertragen und erst recht nicht mehr tragen möchte. Verziehen habe ich schon lange, ist auch eine Art von Hände reichen. Den Rest gebe ich in Gottes Hand.

Dr. Susanne Rotte, Wustrow

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