Online: 19.06.2015 - ePaper: 20.06.2015

Bitte weniger Mainstream

Betrifft: Artikel "Protestcamp unter Beobachtung" (EJZ vom 4. Juni)

Alle Tage wieder kommt der Mainstream-Mann. In die EJZ, so wie in viele andere Medien. Der Mainstream lebt von nicht hinterfragten Äußerungen. Von Vorurteilen. Von vereinfachender Einseitigkeit. Hier zwei Beispiele aus der EJZ.

Das erste: Zum Thema G7 heißt es am 4. Juni unter "Protestcamp unter Beobachtung": "Die bisher blutigsten Proteste gegen einen G8-Gipfel gab es im Jahr 2001 in Genua, ein Demonstrant kam damals ums Leben. (…) An den Ausschreitungen (...) waren auch Deutsche beteiligt. Somit ist davon auszugehen, dass deutsche und italienische Autonome sich vor dem G7-Gipfel abstimmen." Das hört sich so an, als wäre die enorme Gewalt in 2001 nur von den Autonomen ausgegangen. Ich will keine gewalttätigen Autonomen verteidigen. Aber bekannt ist, dass die italienische Staatsmacht sehr viel gewalttätiger war und zwar weniger gegen die Autonomen, sondern vielfach und grundlos gegen friedliche Demonstranten, zu denen auch der von der Polizei ums Leben gebrachte (nicht: "gekommene") Carlo Guiliano gehörte.

Dieser Artikel wird gefolgt von einem Bericht über einen italienischen Demonstranten von Blockupy in Frankfurt/Main, der für das Werfen einiger Steine 14 Monate auf Bewährung bekam. Ich habe den Eindruck, dass die Platzierung des Artikels und dieses Berichtes direkt untereinander einfach nur die Protestbewegung allgemein in ein schlechtes Licht stellen will. Ein inhaltlicher Artikel über das, was die friedlichen Demonstranten seit Jahren gegen die G8- oder G7-Gipfel haben, fehlt nämlich.

Das zweite Beispiel: Immer wieder wird von der "Annexion" der Krim durch Russland gesprochen. Die Krim wurde aber nicht annektiert. Wenn Merkel das öffentlich behauptet und unter anderem die EJZ das brav nachplappert: Sie liegen falsch! Auch ging es nicht um eine Völkerrechtswidrigkeit, weil keine Landnahme wie im Falle Kuwait. Es war eine Sezession, gegen welche die internationale Staatengemeinschaft nicht vorgehen darf. Auch das Kosovo hat sich 2008 von Serbien unabhängig erklärt, was Serbien nicht recht war. Dies wurde vom Westen akzeptiert; die Krim-Abspaltung wird aber als völkerrechtswidrig hochgeschaukelt, weil sie dem Westen nicht schmeckt. So geht Politik, aber nicht das Völkerrecht. Sezession kann gegen die Landesverfassung verstoßen, ist aber völkerrechtlich nicht verboten.

An Russland gibt es viel zu kritisieren. Mindestens so viel aber auch an den USA, der EU, der NATO und den G7. Wie Hans-Hermann Müller (EJZ vom 2. Juni) sagte: "Ich erwarte von meiner Zeitung, dass sie objektiv und glaubwürdig ist und über die Ereignisse umfassend und kritisch berichtet." Also: Bitte weniger Mainstream, liebe EJZ.

↔Gertie Brammer, Lenzen

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