Online: 31.07.2015 - ePaper: 01.08.2015

Logik des "schwäbischen Hausmannes"

Betrifft: Leserbrief von Herbert Flügel "Ist Griechenland diesen Eiertanz wert?" (EJZ vom 25. Juli)

Herbert Flügel überträgt seine betriebswirtschaftliche Sicht auf die Volkswirtschaft und begibt sich dabei argumentativ auf die Ebene des Kindeszimmers. In der Volkswirtschaft gilt die Saldenmechanik der VW-Gesamtrechnung: Die Ausgaben der einen volkswirtschaftlichen Seite sind die Einnahmen der anderen und umgekehrt. Das heißt für Deutschland, wenn die Haushaltsseite (hier Unternehmer, Staat-, Privathaushalte) Ausgaben kürzen (sparen), müssen die Einnahmen der Unternehmensseite sinken, es sei denn, es finden sich als Ersatz für die Ausgabenreduzierer (Sparer) Ausgabenerhöher (Schuldner).

Für Deutschland mit seinem jahrelangen Exportüberschuss ist der Schuldner das Ausland, insbesondere Südeuropa. In der Tat sind die meisten Deutschen auf diesen Überschuss als Exportweltmeister stolz ("Wir sind die Guten"), obwohl die Regeln der europäischen Währungsunion eine ausgeglichene volkswirtschaftliche Bilanz vorschreiben. Die wäre eingehalten, wenn das Wachstum der Unternehmensausgaben (Lohnstück-Kosten) mit dem volkswirtschaftlichen Wachstum der Produktivität Schritt gehalten hätte, wie in Frankreich. Stattdessen sind die Lohnstückkosten im Vergleich zum Produktivitätswachstum seit Jahren gefallen. Der Volkswirtschaftler Flassbeck spricht auf seiner Internetseite davon, das Deutschland unter seinen Verhältnissen lebt und die südeuropäischen Staaten über ihre Möglichkeiten. "Wer unter seinen Verhältnissen leben, das heißt, sparen will, muss jemanden finden, der über seine Verhältnisse leben und sich verschulden möchte." Das ist die Problematik der augenblicklichen Finanzkrise der Eurozone, die in der Logik des "schwäbischen Hausmannes" nicht vorkommt.

Das wäre auch seltsam, wenn er die Logik der VW-Gesamtrechnung auf seinen Privathaushalt übertragen würde, als ob die monatlichen Ersparnisse der Hausfrau von 100 Euro gleichzeitig die Einbuße von 100 Euro in der Lohntüte des Ehemannes zur Folge hätte. Umgekehrt ist es aber auch nicht möglich, die Logik der schwäbischen Hausfrau auf die Volkswirtschaft zu übertragen. Diesen "Eiertanz" versuchte der griechische Finanzminister vergeblich dem schwäbischen Hausmann zu erklären und erntete dafür Varoufaki-Bashing.

↔Dr. Hans-Jörg Schlichte, ↔Hitzacker

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