Online: 24.08.2015 - ePaper: 25.08.2015

Wirr sind die Guten

Betrifft: Kommentar "Ekstatischer Unsinn" von Karl-Friedrich Kassel (EJZ vom 16. Mai)

Nicht nur vielleicht, sondern sogar viel leichter ist es, andere zu hinterfragen als sich selbst, obwohl Selbstreflexion wesentlich nötiger ist als der Blick auf andere. Zeitungen leben dennoch auch davon, nicht sich, sondern andere zu kritisieren. Kritik an Zeitungen machen andere. Somit haute K.-F. Kassels Keule schon in die richtige Kerbe. Rosi Zieglers Applaus darüber teile ich größtenteils. Doch dass Geld bei den "echten Menschen", wie Kassel schreibt, fast keine Rolle spielt, habe ich im Reisebegleiter so nicht gelesen. Aber dafür, dass diese Menschen schon fast darunter leiden, "nicht auf Kosten anderer auf unsere Kosten zu kommen".

Hm, da kenne ich aber andere Geschichten von einem der größten und verdienststärksten Austellungs- und Veranstaltungsorte. Althochehrwürdige links-alternative KLP-Betreiber, die sich ihr höfliches Edelambiente auch von einem Arbeitssuchenden wochenlang ausbauen ließen, dem hinterher den per Handschlag, Ehrenwort und auf Vertrauen vereinbarten Lohn verweigerten, wohl im Wissen, dass ohne Schriftliches der Lohn nicht einklagbar ist. Der Clou: Nicht die dort lebende Besitzerin des nun Vorzeige-Ambientes, sondern der gute Lebensgefährte hat den Handwerker engagiert.

Ich Strolch habe mir nun mal den Spaß erlaubt und auf dem Gorlebenfest (wo Tausende an deren oder dessen Stand Schlange standen) die totchic in teurem, feinstem Designerzwirn gekleidete nutznießende Besitzerin angesprochen - wollte wissen, wie sie dazu stehe. Immerhin wurde ein "armer Hanswurst" von kapitalstarken Edel-Linken gezielt alternativ-kreativ abgelinkt und dadurch fast in die Privatinsolvenz getrieben. Sie winkte sofort ab, meinte lapidar, dass sie damit, ach iwo, überhaupt nix zu tun hat. Gar nichts?

Der Betrogene soll sich an den Auftraggeber wenden. Sie entschwand unberührt mit reinstem Gewissen ohne Gefühl im Gewühl. Der Edel-Linke will damit aber auch nichts mehr zu tun haben. Klasse Zusammenspiel der beiden "echten Menschen": Jeder schiebt den Schwarzen Peter zum anderen. Beide verdienen dabei bei der KLP ein kleines Vermögen. Wenn solche linken "echten Menschen" Ähnliches aus Politik und Wirtschaft erfahren, ist von denen Protest dagegen programmiert. Es ist Zeit, dass die "echten Menschen", die sich gerne auch mit "Wir sind die Guten" etikettieren, um Selbstreflexion bemühen, denn: Wirr sind die Guten.

Womöglich erkennen sie, dass sie nicht besser als andere sind, nur anders - was noch keinen Wert darstellt. Meine bürgerliche Nachbarsfamilie ist auch anders als ich, aber die menschlich vertrauenswürdigen Erfahrungen mit denen sind echt besser als mit vielen "echten Menschen". Dennoch empfehle ich K.-F. Kassel auch die EJZ-Ansprüche zu hinterfragen. Diese fordert täglich zu Fragen und Kritik auf, lässt meine an ihr aber seit Jahren nicht öffentlich werden. Die Kritiker der Strolche sind oft selber solche.

Bodo Arndt, Gühlitz

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