Online: 01.09.2015 - ePaper: 02.09.2015

Was steckt hinter dem Ehewunsch?

Betrifft: Artikel "Ehe für alle?" (EJZ vom 25. August)

Himmel. Was ist verkehrt mit mir? Ich begreife den Menschen und seine Spielregeln nicht. Diese gesellschaftlichen Dinge. Diese staatlichen. Diese bürokratisierten Regeln des Zusammenlebens. Warum ist es nötig, dafür zu kämpfen, dass homo- und heterosexuelle Menschen den gleichen Gesetzen folgen dürfen - oder sollte ich sagen: denselben Bräuchen und Ritualen? Denn, so frage ich mich, was ist es denn anderes als Brauchtum, Tradition, Regel, Gesetz, wenn ich mir von irgendeinem Beamten, den ich in der Regel nicht mal kenne, auf einem Stück Papier mit seiner oder ihrer Unterschrift feierlich bescheinigen lasse, dass ich ab jetzt vor aller Welt (…nein, nein, noch nicht vor Gott, oho, soweit sin ma no net!) Verantwortung für meinen Schatz übernehmen darf, ihn ab jetzt so richtig liebe, dank dieser Unterschrift, mich zu ihm bekenne, ganz öffentlich und offiziell und - fast vergessen - jetzt Kinder mit ihm machen dürfte, die er dann nicht mal adoptieren müsste (mal unabhängig davon, ob sie überhaupt von ihm sind - wobei, ich vergaß: Das muss ja jetzt so sein, da der Beamte mir und ihm dies per Unterschrift zusicherte).

Liebe Leute, nicht, dass Ihr mich falsch versteht: Wer Neigung verspürt, sich zu verehelichen, der sollte das tun dürfen, unabhängig vom Geschlecht. Allein, mir will der Sinn sich nicht erschließen. Was steckt hinter diesem Wunsch? Sind es romantisierte Vorstellungen von Liebe und Zusammenleben? Die Feierlichkeit? Sind es die damit einhergehenden gesetzlichen Vorteile wie Steuererleichterungen, Erbregelungen, Pflege? Versorgen und versorgt sein wollen? Den anderen besitzen wollen?

Nein, Letzteres wäre gar zu gruselig! Ist es einfach Liebe? Wenn ich hier überhaupt einen Kampf sähe, den es zu kämpfen lohnte, dann den, dieses überkommene Konstrukt Ehe abzuschaffen und gleiche Rechte und Pflichten auch ohne Eheschließung nach unzähligen Jahren des Zusammenlebens zu bewilligen (sagen wir, rein egoistisch betrachtet, nach 17 Jahren?).

Keine Sorge, die Probleme, die damit einhergingen, derlei Privilegien und Rechte zu beanspruchen, nämlich nachzuweisen, wie lange ich wann und wo mit wem und warum zusammenlebe und ob hier gar Liebe im Spiel sei oder Berechnung, ob hier eine echte Beziehung vorläge, all diese Probleme, sind mir präsent und ich habe keine Lösung. Rutschte jedoch plötzlich einer von uns beiden in eine Hartz-IV-Situation, dann flögen ganz flugs dieselben Pflichten auf uns nieder wie auf die Verehelichten, nämlich meinen Herzensschatz mitzuversorgen (was ich gerne täte, rein aus Liebe, ganz ohne Unterschrift).

Es ist Fakt, dass ich mir auf irgendeinem Wege von irgendwem festschreiben lassen muss, wen ich liebe, um die gleichen Privilegien zu genießen wie Verehelichte. Was bleibt also? Der Weg zum Standesamt? Oder vielleicht will mich ja sowieso gar keiner heiraten. Na, der wird schon wissen warum. Vielleicht ist das so wie mit dem Bügeln. Das habe ich auch nie begriffen, warum das nötig sein soll.

Cora Titz,

Groß Heide

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