Online: 13.09.2015 - ePaper: 14.09.2015

Wiederkehr der Vergangenheit

Betrifft: Fremdenfeindlichkeit

Aleida Assmann (Universität Konstanz) schrieb in ihrem Buch "Ist die Zeit aus den Fugen?" folgendes: "Neben dem Verblassen der Zukunft erleben wir heute aber noch eine andere Anomalie der uns vertrauten Zeitordnung, und das ist eine in dieser Form ungekannte Wiederkehr der Vergangenheit. Episoden der Geschichte, die wir glaubten, lange und sicher hinter uns gelassen zu haben, werden wieder aufgerollt und bäumen sich vor uns auf. Das betrifft insbesondere Ereignisse, die mit extremer Gewalt verbunden waren." Genau das ist jetzt eingetreten. Deutschland ist nicht mehr das Deutschland, das es nach dem Krieg mühsam geworden war. Nach furchtbaren zwölf Jahren Nazizeit, darin sechs Jahre grausamsten Krieges mit Holocaust, schien es, als könne und würde Deutschland eine Demokratie sein, konnten Menschenwürde und Humanismus Platz haben. Aber Deutschland war geteilt. Im Ostteil erlebten die Menschen seit 1933 grausame Diktatur, erst braun, dann knallrot. Dort konnte sich Demokratie nicht entwickeln.

Die Wende brachte auch dem Ostteil die Chance zur Demokratie. Aber zunächst kaum bemerkt, standen die alten Nazis wieder auf und mit ihnen junge, törichte Menschen ohne Erfahrung, zu bequem oder zu faul, sich mit der schrecklichen Geschichte unseres Landes ehrlich auseinanderzusetzen. Leider sind sie wohl auch zu bequem, sich mit der großen deutschen Geschichte der Aufklärung, mit Humanismus zu befassen. Dann könnten sie stolz auf Deutschland sein, und es wäre kein Platz in ihren Köpfen für Fremdenfeindlichkeit und Hass. Aber die Vergangenheit bäumt sich wieder vor uns auf. Es ist nicht abzusehen, ob und wie das Land wieder ein Land Lessings, Goethes, Schillers und Heines werden könnte, geachtet in aller Welt. Heute sieht es aus, als zerfalle das Land wieder in sich, unheilbar krank.

↔ Dietrich Seebohm, Hitzacker

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