Online: 13.09.2015 - ePaper: 14.09.2015

Nur Mut, das Herz zu öffnen

Betrifft: Flüchtlinge in Lüchow angekommen

Am Sonntag kamen viele Flüchtlinge nach einer gefährlichen Reise in unsere Kreisstadt. Ich hatte mit weiteren Unterstützerinnen von "Zuflucht Wendland" das Glück - und das meine ich wörtlich - als freiwillige Helferin auf das Gelände zu kommen. Für alle Landkreis-Bewohner, die nun die neu zugezogenen Menschen durch die Stadt schlendern sehen, sie etwas scheu aus dem Augenwinkel betrachten, nicht wissend, was uns zusammen erwartet, seien hier nur einige Eindrücke vom Sonntag gestreift: Der afghanische Familienvater, den ich zur Essensausgabe begleite. deutet auf den Acker hinter dem Zaun: "So sah es in Ungarn aus, da hat die Polizei meine Kinder über den Acker getrieben und gerufen: `Wenn ihr nicht schneller lauft, verhaften wir euch!' ". Das junge Ehepaar mit den drei kleinen Kindern, das sich in Serbien verloren hatte und sich hier nach vier Wochen zum ersten Mal wiedertrifft - uns stehen die Tränen in den Augen. Zu rührselig? Nein, Fluchtrealität und Mitfreude.

Ich schäme mich über das wiederkehrende "Thank You. You are so friendly". Wir scherzen mit den leidgeprüften, erstaunlichen Kindern, die auf den Etagenbetten herumturnen und uns beim Betten beziehen helfen, von den Treppen hüpfen und uns ein Bild malen. Wir sehen auch die Erwachsenen, mit vor Müdigkeit rot unterlaufenen Augen, die husten und in nassen Schuhen umhergehen. Seit wann sind diese Schuhe nicht mehr getrocknet? Seit der Fahrt über das Mittelmeer, wo griechische Boote mit Speeren an Bord herumfahren und Schlauchboote anstechen, sodass die Flüchtenden ertrinken? So erzählt es mir ein junger Syrer: "Das sieht man nicht im TV, da draußen ist ja niemand".

Und es gibt auch die afghanische Ehefrau, die vor der Essensausgabe auf den runden Bauch ihres Mannes deutet und meint: "Der kriegt nichts zu essen". Und wir Frauen lachen herzhaft, ein bestimmter Humor ist eben international. Der genießerisch lächelnde ältere Syrer fragt: "Wo bekomme ich hier einen Espresso?". Wir lachen wieder einmal gemeinsam und versprechen ihm, dass er am nächsten Tag "in the City of Lüchow" einen Espresso trinken kann. Soviel zu der Frage "Was wollen die hier?". Mal wieder durchschlafen, keine Bomben hören, ihre Kinder in Sicherheit spielen lassen ­- und Espresso trinken. Vielleicht ja zusammen mit uns.

Menschenherzen ticken rund um den Erdball gleich. Sich anschauen, ein freundliches Lächeln, die Frage "Can I help You?" macht jede Fremde erträglich, jedes fremde Land zu einer kleinen Heimat. Es braucht nicht viel. Nur Mut, das Herz zu öffnen. Und wer kein Englisch kann, fuchtelt eben anschaulich mit den Händen herum.

Am nächsten Tag sitzen ein paar von uns in einem Café, und wir freuen uns, als wir schon viele Bewohner aus "unserem Haus" durch die Stadt schlendern sehen. Fast möchten wir winken, warum tun wir es eigentlich nicht?

↔Gabriele Pelc,

↔Küsten

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