Online: 09.10.2015 - ePaper: 10.10.2015

Wirtschaftlichkeit auf den zweiten Blick

Betrifft: Artikel "Keine Mehrheit im Ausschuss" (EJZ vom 1. Oktober)

In der jüngsten Sitzung des Schulausschusses der Samtgemeinde Lüchow schien die Sache eindeutig: Die Schul-standort-Entscheidung ist den Sachzwängen der Verwaltung unterworfen, die klar gemacht hat, dass sie laut Kommunalverfassung zu einer wirtschaftlichen Ausgabenpolitik verpflichtet sei. Die sei bei den in Frage stehenden Schulstandorten nicht gegeben. Wie wird die Wirtschaftlichkeit einer Schule bewertet? So wie die einer Ortsverbindungsstraße, wie beispielsweise der von Lüchow nach Kolborn, die es uns nun erlaubt, etwa 45 Sekunden schneller in die Stadt zu fahren, dafür aber die Gemeinde 70000 Euro gekostet hat?

Fakt ist, dass keine Schule "wirtschaftlich" arbeiten kann. Es gibt nur Schulen, die mehr oder weniger "Verluste" einfahren. Wenn man aber bei der "Wirtschaftlichkeit" bleiben will, sollte man die Perspektive erweitern. Gerade kleine Schulen können dafür sorgen, dass die Gemeindekassen voller werden: Sie sind ein nicht zu verachtender Standortvorteil, weswegen es sich (noch) lohnt, in diesen Landkreis zu ziehen. Der Landkreis braucht junge Familien ­- auch, weil sie die Steuerkassen füllen. Attraktiv sind da Angebote im Bildungsbereich, die man nicht ohne weiteres woanders findet, wie beispielsweise kleine, in das soziale Umfeld gut eingebundene Schulen, die erwiesenermaßen von höherer sozialer Kohäsion und Durchlässigkeit geprägt sind als Standard-Schulen. Wer als Politiker oder Politikerin nun bei vermeintlich alternativlosen Sachzwängen aufhört weiterzudenken, unterstreicht nur die eigene Perspektivlosigkeit, die die Zukunft dieses immer noch überalterten Landkreises gefährdet.

Meine Frau und ich sind vor gut zwei Jahren von Berlin ins Wendland gezogen, weil wir hier gute Bedingungen für unseren Nachwuchs gesehen haben. Mit ausschlaggebend war das Angebot an kleinen Schulen, die wir als sehr förderlich für Kinder erachten. Diese Möglichkeit war es uns wert, dass wir beide jeweils ein- bzw. eineinhalb Stunden Pendelei zur Arbeit auf uns nehmen. Wir sind da nicht die einzigen: In der Krabbelgruppe unserer einjährigen Tochter sind mehr als die Hälfte der Eltern in den vergangenen Jahren zur Familiengründung ins Wendland gezogen und legen besonderen Wert auf das Schulumfeld, das sie so anderswo nicht ohne weiteres gefunden haben.

Lauter Einzelfälle? Das findet man heraus, indem man die Auswertung der jüngsten Umfrage des Landkreises unter Familien mit minderjährigen Kindern abwartet. Hierbei wurden auch die Wünsche und Erwartungen an die Schulsituation abgefragt. Wenn man solche Erhebungen ernst nimmt, sollte der Samtgemeinderat seine Entscheidung aufschieben und sich bis dahin überlegen, ob er diese Möglichkeit der Bindung junger Familien an den Landkreis so schnell und unwiderruflich zunichte machen möchte.

↔Dr. Frederik Holst,

↔Kolborn

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