Online: 23.10.2015 - ePaper: 24.10.2015

Toter Organismus

Betrifft: Naemi Dehdes Comic über Eleonore Prohaska (EJZ vom 12. Oktober).

Neu Darchaus junger Bürgerin Naemi Dehde ist ein überzeugender Comic über Eleonore Prohaska gelungen. Sie zeichnet dabei auch die Nöte der jungen Frau, die sich bei der Hygiene zwischen den Männern verstellen muss und nach der Verwundung unter schlimmen Bedingungen stirbt: "Elendig verschmutzt, die Krankheit durchfraß mein Fleisch … meinen Verstand." Zuletzt heißt es: "Ich wurde zum Mythos, meine Fehler ausradiert".

Als ich das las, dachte ich an die neue Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihrem Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" über die rund eine Million Frauen schreibt, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee kämpften, als Scharfschützin, Pionierin, Flak-Geschützführerin oder Sanitätsinstrukteurin, vorher waren sie Buchhalterin, Laborantin, Stadtführerin, Köchin, Lehrerin (Seite 15).

Eine berichtet: "Ich war drei Jahre lang keine Frau. Mein Organismus war tot. Ich hatte keine Menstruation, kein weibliches Verlangen. Dabei war ich schön …" Der russische Zensor wollte das Buch von Alexijewitsch nicht: "Wer wird nach solchen Büchern in den Kampf ziehen? Mit ihrem primitiven Naturalismus erniedrigen sie die Frau. … Doch diese Frauen sind Heilige." (Seite 33). Die "Heiligen" aber leiden: "Ich bin MG-Schützin. Ich habe so viele getötet … Der Hass schnürte mir die Kehle ab. Nach dem Krieg habe ich lange nicht gewagt, ein Kind zu bekommen …".

Als Scharfschützinnen hatten die Frauen einen guten Ruf, ihnen entging nichts, doch der Kommandeur lachte sie aus: "Ach Mädels! Ihr seid richtig toll, aber nach dem Krieg wird sich keiner trauen, euch zu heiraten. So gut, wie ihr zielt, da kriegt man einen Teller an den Kopf und ist tot." (Seite 57). Soldatin Xenia verzweifelt: "Alles ertrinkt in einem Blumenmeer, aber mich quälen furchtbare Schmerzen, ich habe kein weibliches Gesicht mehr. Ich weine oft, stöhne jeden Tag. Wegen der Erinnerungen. Im Krieg habe ich mich so verändert, dass meine Mutter mich nicht erkannte, als ich nach Hause kam. … Ich weiß nicht, wann das je aufhört … Mein Krieg … ich lache nie … Ich habe bis heute nicht einmal lächeln gelernt … Es gibt keine Bücher, keine Filme, die vergleichbar wären mit dem, was ich erlebt habe."

In Naemi Dehdes Comic über Eleonore Prohaska scheint etwas von diesem Grauen durch.

Axel Kahrs,

Lüchow

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