Online: 23.10.2015 - ePaper: 24.10.2015

Irriges Mehr - keine Wende nirgends

Betrifft: Artikel "Energiewende als Chance" (EJZ vom 1. Oktober)

"Pro Energiewende"? Dass ich nicht lache! Glaubt Professor Dr. Claudia Kemfert wirklich, mit noch viel mehr Windkraftanlagen als den ohnehin schon vorhandenen und mit noch weiterem Landschaftsverbrauch eine echte Wende erzielen zu können? Fürs Klima ist die Windkraft bislang wirkungslos geblieben. Eine wirkliche (!) Energiewende und die Zurückdämmung der Erderwärmung gehören zweifelsohne zu den wichtigsten umweltschutzpolitischen Zielen der Gegenwart. Aber ein Umweltschutz, der sich seines eigentlichen Hintergrundmotivs überhaupt nicht mehr bewusst ist, führt zum Gegenteil dessen, was er behauptet zu sein: Er entfernt sich von seinem Anliegen, die Natur - und damit die natürlichen Lebensgrundlagen auch der Menschen - vor weiterer Beschädigungen und Zerstörung insgesamt zu bewahren.

"Wenn Verfechter der Windenergie "(...) glauben machen (wollen), jeder mögliche Beitrag zur Verringerung der CO2-Anreicherung der Erdatmosphäre sei zugleich ein Beitrag zum Naturschutz (...)", dann ist das eine Täuschung (Wolfrum, Otfried,1997/2001: Windkraft: Eine Alternative, die keine ist. Frankfurt/M. Zweitausendeins, S.153). Die Windkraftseite will hier den Irrglauben nähren, "(...) der Schutz von Natur und Landschaft habe im Zweifelsfall hinter dem Klimaschutz (durch Windkraftanlagen) zurückzustehen." Wenn aber der Umweltschutz definitiv im Dienste des Naturerhalts steht, ist er Bestandteil des Naturschutzes und nicht umgekehrt.

Das Problem ist hingegen gar nicht primär die Weise der Energieproduktion, sondern es ist der ständig sich steigernde Energieverbrauch, der mit zunehmender unbedenklich-grüner Energie um ein Weiteres zunehmen wird! An keiner Stelle wird in der ganzen Debatte bedacht, dass jeder Verbrauch von Energie in Wärme endet: "Die Unmöglichkeit, (den) Exzess des Energieverbrauchs von den thermalen Folgen zu trennen, ist letztlich dieselbe wie die Unmöglichkeit, ein Perpetuum mobile zu bauen: das unverbrüchliche Gesetz der Entropie, dass alle Energie letztlich zu Wärme degeneriert. Hierin lässt die Thermodynamik nicht mit sich handeln" (Hans Jonas, 1979: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/Main, Suhrkamp, S.336 f.).

Wenn man bedenkt, dass "(...) im 20. Jahrhundert zehnmal mehr Energie verbraucht (wurde) als während der kompletten Menschheitsgeschichte zuvor" (Sommer, Bernd, und Harald Welzer (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München, oekom-Verlag, S.13), dann bestimmt sich eine wirkliche Energiewende in der Zurückdämmung des permanenten, von partikularen Wirtschaftsinteressen getragenen zivilreligiösen Wachstumswahns.

Merke: Trifft die Energiewende auf den Wirtschaftsliberalismus, dann kommt hinten immer nur ein irriges Mehr, Mehr, Mehr heraus. Mehr nicht. Keine Wende nirgends.

Dr. Thomas Krauß,

Schnackenburg

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