Online: 30.10.2015 - ePaper: 31.10.2015

Der Ordnung der Werte entsinnen

Betrifft: Willkommenskultur

Alle Welt liebt unsere Werte, was jede Ausnahme bestätigt. Wir indes lieben unsere Ordnung, was jeder bestätigt, der sich von dieser Regel ausnimmt. Die ganze Welt weiß, dass Werte ohne Ordnung hierzulande undenkbar sind. Sie hat sich daran gewöhnt, dass wir uns komfortabel in einer soliden Werteordnung eingerichtet haben. Ja, sie schenkt uns ihr Vertrauen - jenes, welches sie aus unserer Werteordnung bezieht!

Wenn allerdings die Welt überraschend zu Besuch kommt, sind wir so aufgeregt, dass wir uns nicht mehr so recht der Ordnung der Werte entsinnen, sondern uns auf den Wert der Ordnung konzentrieren: Statt uns selbst und unseren Besuch nach Maßgabe unserer Werte vor bösen Überraschungen zu schützen, überraschen wir uns und den Besuch böse nach Maßgabe unserer Ordnung, um die zu schützen. Zu ihrer Verteidigung bringen wir Normen aller verfügbaren Kaliber in Stellung. Und im Eifer des Gefechts übersehen wir geflissentlich, wie wir die meisten davon hemmungslos mit Werten verwechseln. Die Welt erlebt, dass wir auf diese Weise Mittel zu Zwecken machen - ohne hierzu je durch unsere Werteordnung legitimiert zu sein, wodurch sich diese vor aller Welt auf den Kopf gestellt findet.

Folgerichtig dämmert der Untergang all dessen, was sich der Werteordnung verdankt. In dieser Not ringen wir um die Herstellung der Verhältnisse, um die wir uns selbst gebracht haben. Doch in der Zuverlässigkeit, in der wir Ursachen und Wirkungen verkennen, sind wir außerstande, das Problem zu lösen. Schlimmer noch - wir werden selbst zum Problem, weil wir auf der Grundlage sorglos zurechtgemogelter Zusammenhänge die Schuldfrage stellen, um deren Antwort wir leider ebenso wenig verlegen sind: Wir machen andere für uns verantwortlich! Da jedoch diese Lässlichkeit nicht nur aus den Gründen wirksam ist, die sie bezeugen, sondern gleichfalls aus jenen, die sie bezeugt, offenbart sich die Veruntreuung der Werte. Sie vollzieht sich im Schein der Rechtschaffenheit, mit der wir diese Werte zu schützen vorgeben.

Diese Scheinbarkeit wird nicht zur Ansichtssache, indem wir sie hierzu erklären. Ansichtssache bleibt ihre Bewertung. Insofern ist unsere Willkommenskultur nicht auf eine Ansichtssache im Sinne der Ansicht einer Sache zu reduzieren, sondern sie hat eine Sache der Ansicht zu sein. Denn wer ein Bild hat, ist ja deswegen nicht im Bilde. Und wer sich im Bilde wähnt, ohne im Bilde zu sein, macht seinen Irrtum nicht ungeschehen - er zementiert ihn. Auch das verbriefte Recht, sich in seinem Irrtum mündig wähnen zu dürfen und von keinen Wahlen ausgeschlossen zu werden, hilft keinem Irrtum ab. Dies ist nun mal der Preis der Freiheit, den die Werteordnung garantiert. Jene, welche derzeit so wacker verteidigt wird, wie sie es selbst nie rechtfertigen könnte. Sorgen wir deshalb rechtzeitig dafür, dass dieser Preis nicht zu teuer wird. Lassen wir die Willkommenskultur nicht zum Unwort verkommen!

↔Tilmann Greese,

↔Hitzacker

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