Online: 03.11.2015 - ePaper: 04.11.2015

Nicht eingetaucht in Geschichten

Betrifft: Artikel "Aus 50 Jahren Anti-Atom" (EJZ vom 26. Oktober)

Ja, Herr Kassel hat recht. Das Buch ist kein Geschichtsbuch, wenn dem der Begriff einer vorgeblich objektiven Geschichtsschreibung von außen zugrundegelegt wird. In diesem Sinne ist der Titel irreführend. Vielmehr haben hier Menschen aus der Bewegung ihre subjektiven Geschichten, Gedanken und Reflexionen zu Papier gebracht: Sie schreiben Geschichte. Ihre Beweggründe, Absichten, Erfahrungen aus unterschiedlicher sozialer und politischer Perspektive werden spürbar, aber auch die Differenzen, das sich aufeinander Einlassen und voneinander Lernen, das Zusammenwachsen zu einem gemeinsamen hartnäckigen Widerstand.

Natürlich erhebt das Buch nicht den Anspruch auf "die" Wahrheit über die Anti-Atom-Bewegung. Aber wer sich auf die Geschichten einlässt, bekommt eine Ahnung von den vielen Wahrheiten, die hinter der Bewegung stecken, und fördert die Erinnerung an noch so viele andere Geschichten zutage, die erzählt werden müssen, um der "Wahrheit" ein wenig näherzukommen.

Schade, dass der Kritiker an der Überschrift hängengeblieben ist. So konnte er offensichtlich nicht eintauchen in die vorgelesenen Geschichten. Für ihn sind es nur Anekdoten - eine Abwertung, die darauf schließen lässt, dass er gar nichts wahrgenommen hat von den Beweggründen, den Zweifeln, von dem, wie das Handeln die Menschen verändert und seine Spuren in unserem Landkreis hinterlassen hat, wie aus einem Nebeneinander ein solidarisches Miteinander gewachsen ist. Es ist gerade die Stärke des Buches, dass Menschen aus der Bewegung ihre Gedanken und Gefühle erfahrbar machen.

Normalerweise waren es Polizei und Medien, die immer wieder versuchten, den Widerstand in die militanten Chaoten aus der Stadt und den bodenständigen Widerstand zu spalten. Hier betreibt Kassel die Schwarz-Weiß-Malerei, die den Geschichten, wenn er intensiv zugehört oder sie gelesen hätte, nicht gerecht wird.

Verschiedenheiten treten sowohl zwischen Gruppen mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen auf als auch in den Gruppen selbst.

Unabhängig vom Markenzeichen genauer hinzugucken, was Menschen denken, wie sie handeln und was ihre Ziele sind, und unterschiedliche Vorstellungen und Aktionsformen nebeneinander stehen zu lassen: Das war und ist ein wichtiger Lernprozess gerade hier im Wendland.

Die Tatsache, dass der Gorleben-Widerstand über Jahrzehnte nicht unterzukriegen war und immer noch lebendig ist, liegt unter anderem daran, dass diese Spaltung in guten und schlechten Widerstand nicht gelungen ist. Wir hoffen, dass Anti-Atom-Bewegte sich durch diese Kritik nicht abhalten lassen, sich selbst einen Eindruck vom Geschriebenen zu machen.

↔Elisabeth Krüger, Tollendorf,

↔Mitherausgeberin des Buches ↔"Die Anti-Atom-Bewegung"

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