Online: 10.12.2015 - ePaper: 11.12.2015

Deutschland verändert sich

Betrifft: Leserbrief "Zu wenig Sarrazins" (EJZ vom 21. November)

Herr Ahlgrims Sorge um die Rente vieler Arbeitnehmer in Deutschland ist nachvollziehbar. Seine Argumentation scheint mir zuweilen unlogisch, Ton und Wortwahl grob holzschnittartig und aufreizend. Das Rentensystem baute unter anderem auf eine leicht wachsende Bevölkerung und schloss große Wirtschaftskrisen aus. Beide Annahmen trafen nicht ein. So betrachtet kann die gegenwärtige Einwanderung unter demografischen Aspekten das Rentensystem sogar stützen.

Herr Ahlgrim schreibt, die Einwanderer kämen "vordergründig aus wirtschaftlichen Gründen." Ich habe nicht verstanden, was er dann für "wahre Hintergründe" vermutet, wenn wirtschaftliche Gründe nur vorgeschoben seien. Gänzlich unrecht hat er meiner Meinung nach bei der Analyse der Fluchtgründe: Vertreibung, Mord, Raub und Vergewaltigung seien 1945 die Fluchtgründe gewesen, dagegen sei heute "das Gegenteil" der Fall. Tatsächlich sind es genau diese Verbrechen neben Armut und politischer Verfolgung, die Menschen dazu bringen, zu fliehen. Angesichts der Brutalität des syrischen Regimes und des IS gegenüber der Bevölkerung ist es also unrichtig, dies nicht als Fluchtgrund heute auch gelten zu lassen. Es lässt sich nicht ausschließen, dass Terroristen die Einwanderungsrouten mitbenutzen. Nun befanden sich aber unter den Millionen Vertriebenen nach 1945 auch überzeugte Nationalsozialisten und ganz "normale" Menschen, die sich als einfache Angestellte im Dienst einer mörderischen Diktatur befanden, als KZ- Aufseher, Polizisten, Schreibtischtäter schuldig wurden an den furchtbaren Verbrechen. Es kamen nicht nur die Guten und Klugen, und es wurden damals alle aufgenommen.

Einwanderer erhalten nicht mehr "soziale Wohltaten" als Deutsche, und von "sozialen Wohltaten" bei Hartz IV zu sprechen, ist ebenfalls nicht angemessen. "Deutschland schafft sich ab" ist ein unüberlegtes Schlagwort, das Angst erzeugen soll. Es wäre sinnvoller zu sagen "Deutschland verändert sich". Es ist sehr verständlich, dass die Geschwindigkeit, in der das manchmal passiert, aufregend ist. Wir haben uns aber immer verändert, mal mehr und mal weniger gezwungen, seit der ersten europäischen Völkerwanderung im 3. bis 6. Jahrhundert, die unter anderem das Römische Reich zum Einsturz brachte. Ansonsten, diese Spitze sei erlaubt, säßen wir noch immer als freie Germanen im Langhaus, bei offenem Feuer, von Unfreien aus dem letzten Beutezug bedient, heilige Haine verehrend, und mit Äxten und Gebrüll auf die Römer losstürmend. ↔Ulrike Neureither,

↔Hitzacker

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