Online: 15.12.2015 - ePaper: 16.12.2015

Familiennachzug beschleunigen

Betrifft: Artikel "Kritik an Staudte-Kritik" (EJZ vom 5. Dezember)

"Wenn sie dann noch leben", formulierte bitter ein Familienvater aus Syrien, als wir im Deutschkurs über die Zeiträume sprachen, in denen "die Politik" die Zusammenführung mit seiner Familie plant. Wenn sie denn überhaupt noch stattfinden soll oder kann. Im September, als dieser und andere Männer nach Deutschland flüchteten, konnten sie noch davon ausgehen, dass sie ihre Frauen und Kinder bald auf sicherem Weg (per Flugzeug) würden nachreisen lassen können.

"Ihr habt gesagt, wir sind willkommen und ihr braucht uns. In Deutschland gibt es zu wenige Kinder, und Arbeitskräfte fehlen. Warum dürfen dann die Familien nicht nachkommen, warum können wir nicht schneller die Sprache lernen und bald arbeiten?" Diese Fragen können wir nur zum Teil beantworten. Meist mit sehr ungutem Gefühl. Die ständigen Appelle, Geduld zu haben, nutzen sich ab.

Die Familie steht unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Dies gilt für alle Menschen, die in Deutschland leben. Aber hier wie für andere Artikel gilt: "Näheres regelt ein Gesetz", welches das Grundgesetz zumeist einschränkt oder gar außer Kraft setzt. Dem Schutz der Familien wird zumindest nicht Rechnung getragen, wenn zu lange mit der Familienzusammenführung gewartet wird. Sie leben alle in Städten, die ständig bombardiert werden.

Zynisch ist es, wenn Herr Pols davon spricht, dass Väter ihre Familien "im Stich gelassen" hätten. Diese Männer machen sich bereits viele Vorwürfe. Bevor sie fuhren, haben sie sich Gedanken über die Alternativen gemacht - eine so risikoreich wie die andere. Wenn es überhaupt Hoffnung gab, bestand sie in der Flucht, die sie aber ihren Familien nicht auf den bekannten gefährlichen Routen zumuten wollten.

Für eine gelingende Integration ist es unabdingbar, dass der Familiennachzug beschleunigt wird, dass die Hoffnung erhalten bleibt, hier gebraucht zu werden, die Versprechen auf Arbeit eingehalten werden. Allzu lange Beschäftigungslosigkeit, das Versauern in den Camps und Vertröstung auf bessere Zeiten, die nicht annähernd absehbar sind, mehren die Verzweiflung. "Wir schaffen das" (Merkel). Sicher. Aber wir müssen uns etwas mehr anstrengen und es schneller hinkriegen.

↔Friederike Borowsky,

↔Zernien

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