Online: 04.01.2016 - ePaper: 05.01.2016

Eine furchtbare Heilige

Betrifft: Artikel "Engel der Armen wird Heilige" (EJZ vom 19. Dezember)

"Es liegt Schönheit darin, wie die Armen ihr Schicksal erdulden, wie Christus am Kreuz zu leiden." Das sagte Agnes G. Bojaxhin oder Mutter Teresa von Kalkutta. Fräulein Agnes gründete ein Sterbehaus in Kalkutta, um den Menschen zu einem besseren Sterben zu verhelfen. Es ging nicht darum, den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Armut und Hungertod als Folge einer durch und durch ungerechten und korrupten Gesellschaft war nicht das Problem. Sie hinzunehmen als auferlegtes Schicksal, als Prüfung Gottes, welchen Namen ihm auch immer gegeben wird, war und ist ertragbarer für diese heiligen Helfer.

"Fräulein Agnes ist mit Preisen, Spenden, Subventionen für ihre religiösen Projekte überschüttet worden. Sie hat die Bilanzen ihrer Unternehmen nie offengelegt, aus ihren eigenen Aussagen weiß man allerdings, dass sie fünfhundert Klöster in hundert Ländern gegründet hat - aber ein Krankenhaus in Kalkutta war nicht drin", so der Schriftsteller Martín Caparrós. Fräulein Agnes gehörte zu den härtesten Gegnern der Geburtenkontrolle: "Verhütung und Abtreibung sind moralisch als gleichwertig zu betrachten." Ein Orden von dem Diktator Duvalier aus Haiti und ein Kranz für den Stalinisten Enver Hoxha an seinem Denkmal in Tirana lassen zumindest Zweifel an ihrer so geschätzten Integrität aufkommen.

Es ist sicherlich nicht allein Mutter Teresa, die ihren Beitrag dazu geleistet hat, dass die Armen und Hungernden dieser Welt an gottgegebene Schicksale glauben. Es lässt sich damit recht gut leben, wenn man im reichen Teil dieser Welt zu Hause ist, selbst wenn man dort nicht zu den Wohlhabenden gehört. Man kann sein Gewissen beruhigen. Wir können spenden und auch persönlich helfen. Sollte man jedoch die Frage stellen, was es für ein System ist, das dieses Grauen, wie millionenfachen Hunger, Landgrabbing und rücksichtslose Ausbeutung unseres Planeten erzeugt, wird es schon komplizierter. Man käme auf die "irre Idee", dass diese Welt veränderbar wäre, das die Zukunft nicht im Erhalten dieser Ungeheuerlichkeiten besteht. Die Vision einer menschenwürdigen Zukunft ist offenbar leider nur mit Kampf und Widerstand umzusetzen.

Die Organisation der Mutter Teresa stieß bei der katholischen "Kirche der Armen" in Südamerika auf Ablehnung. Was bringt einen Papst Franziskus dazu, der sich als Vertreter der Kirche der Armen versteht, eine derartige Heiligsprechung auf den Weg zu bringen? Ein Papst, der als Erzbischof Bergoglio von Buenos Aires Korruption, Misswirtschaft und Drogenhandel anprangerte. Die lateinamerikanischen Bischöfe kamen zu dem Schluss: "So wie die Menschen in Lateinamerika leben, als Arme, das ist nicht der Wille Gottes. (...) Gott will nicht, dass Kinder verhungern, obwohl es genügend Nahrungsmittel gibt." Die Hoffnung, dass mit Papst Franziskus die Ideen der Befreiungstheologie wieder mehr Gehör finden, wird mit der Heiligsprechung der Mutter Teresa nicht genährt.

↔Peter Bernet,↔Klennow

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