Online: 04.02.2016 - ePaper: 05.02.2016

Das macht wütend

Betrifft: Folgen der Silvesternacht in Köln

Seit fast einem halben Jahrhundert kämpfen Frauen, Frauenorganisationen, Feministinnen und konservative Frauenverbände in der Bundesrepublik gegen Gewalt gegen Frauen und gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen. Sexuelle Übergriffe, Demütigungen, Anmache und Vergewaltigungen werden immer noch bagatellisiert, verlacht, nicht ernst genommen, juristisch nicht verfolgt. Wenn Frauen den Täter anzeigen, müssen sie einen Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen, weil sie alles im Detail und mit Beweisen und am besten mit Zeugen darlegen müssen. Und zuletzt müssen sie vor Gericht beweisen, dass sie sich aktiv gewehrt haben, ein bloßes Nein ist nach deutscher Rechtssprechung nicht genug. Aber nun plötzlich geht ein Aufschrei durch die Republik. Sexuelle Übergriffe durch Migranten werden nicht geduldet! Ausweisung sofort!

Diese Heuchelei macht mich unglaublich wütend. Es geht in der Debatte nicht um die sexuelle Anmache von Frauen und nicht um sexuelle Übergriffe, sondern es wird eine öffentliche Empörung inszeniert, um Männern mit Migrationshintergrund pauschal puren Sexismus (und dazu auch noch Diebstahl, fast genauso schlimm) zu unterstellen und damit einen Vorwand für das Argument zu finden, dass sie hier nicht hergehören, weil sie unsere Werte und unsere Verhaltensregeln nicht respektieren. Da könnte ich schreien vor Wut. Wie oft betatschen deutsche Männer Frauen in aller Öffentlichkeit, wie oft knutschen sie Frauen unerwünscht, bedrängen sie in der Disco, vergewaltigen sie, weil sie meinen, das Nein ist nicht ernst gemeint? Natürlich soll jedes Verhalten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen juristisch geahndet werden, das fordern Frauen und Frauenorganisationen schon lange, aber bitte bei allen Tätern, gleichermaßen, ob deutsch oder nichtdeutscher Herkunft. Aber solch ein Vergehen von einzelnen Männern populistisch zu nutzen, um Fremdenfeindlichkeit zu schüren, um Diskriminierung gesellschaftlich akzeptabel zu machen, empfinde ich als Brandstifterei, und da sollten wir alle wachsam sein und dem entgegentreten.

Ingrid Düver-Glawe,

für das Team des

Frauen- und Kinderhauses

Lüchow

^ Seitenanfang