Online: 04.02.2016 - ePaper: 05.02.2016

Mitleid erweckt - das ist "empörend und widerlich"

Betrifft: Artikel "Kinderporno-Besitz: Geldstrafe" (EJZ vom 29. Januar)

In ihrer Ausgabe vom 29. Januar berichtet die EJZ unter dem Titel: "Kinderporno-Besitz: Geldstrafe" über einen ehemaligen Lüchower Lehrer, der Kinder- und Jugendlichenpornografie konsumiert hat und dafür zu einer lächerlichen Geldstrafe verurteilt wurde und (hoffentlich bald!) seinen Beamtenstatus verliert.

Im ganzen Artikel, der eine beträchtliche Länge hat, wurden nicht mit einem Wort die Kinder und Jugendlichen erwähnt, die zur Herstellung dieser Fotos und Filme sexuell missbraucht und gefoltert wurden. Ganz im Gegenteil: Ein Großteil des Textes wird auf die Darstellung der Situation des Mannes verwendet, der sich plötzlich nicht erinnern kann, wie und wann es überhaupt dazu kam, dass er Kinder- und Jugendpornos konsumierte und sich dadurch zum Mittäter machte. Dargestellt wird, dass er jetzt bei seinen Eltern ein "normales Familienleben ohne Vorwürfe" bei "reduzierten Beamtenbezügen" führen kann. Die unerwähnt gebliebenen betroffenen Kinder und Jugendlichen werden nie wieder ein "normales" Leben ohne Folgen durch die Erlebnisse führen können. Sie erhalten, wenn sie sich denn überhaupt jemandem offenbaren können, aufgrund der Knappheit an kassenfinanzierten Behandlungsmöglichkeiten in der Regel weder ausreichend Therapie noch Bezüge, mit denen sie Therapien und andere Hilfen selbst bezahlen könnten, die sie dringend brauchen, um überhaupt irgendwie weiterleben zu können.

Der Artikel als Ganzes ist dazu angetan, Verständnis und vielleicht sogar Mitleid mit dem "armen Mann" zu erwecken, der sich "freiwillig einer Therapie unterzieht" - kein Wunder, mindert das doch sicherlich das Strafmaß. Das finde ich empörend und widerlich. Dieser erwachsene Mann hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, diese Inhalte zu konsumieren. Die Opfer haben sich nicht dazu entschieden, derartig missbraucht und gequält zu werden.

Ich fordere eine engagierte Auseinandersetzung mit den Opfern der Kinder- und Jugendlichenpornografie in der Zeitung anstatt der ausschließlichen Beschäftigung mit den Tätern, die problemlos Zugang zu Therapien erhalten und denen mal wieder so viel Raum gegeben wird, die (selbstverschuldeten) Folgen der Aufdeckung ihrer Straftaten auf ihr eigenes Leben darzustellen.

Dolly Tembaak, Dommatzen,

Mitarbeiterin der Beratungsstelle Violetta gegen sexuelle Gewalt

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