Online: 19.02.2016 - ePaper: 20.02.2016

Umschauen nach Wahlverwandten

Betrifft: Artikel "Ein genossenschaftliches Dorf" (EJZ vom 28. Januar)

Aus den Kommentaren besonders via Facebook wird deutlich, dass es einige Informationsdefizite gibt, die ich gern auszuräumen helfe. Es gibt für diese Idee keinen Investor und wird es auch nicht geben. Die Initiativgruppe, die dieses Projekt angeschoben hat, arbeitet bis heute unter dem Mantel von ZuFluchtWendland ehrenamtlich. Das Bauvorhaben wird, wenn es denn startet, von einer selbstverwalteten Bewohner-Genossenschaft finanziert und betrieben.

Wir halten es für geboten, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es jetzt zwei Millionen Neubürger gibt. Wir wollen gemeinsam überlegen, wie denn diese neue Gesellschaft miteinander leben will. Der Großteil dieser hinzugekommenen Menschen wird in den Städten sein wollen. Jene, die das Landleben bevorzugen, sprechen wir mit diesem Projekt an. Gemeinsam mit Alteingesessenen und jungen Familien wünschen wir uns Mietwohnungen, die bezahlbar sind. Der Bedarf ist eindeutig da, der Zuspruch besonders in der Fraktion der älteren Mitbürger ist jetzt schon deutlich. Es braucht Alternativen zur Vereinsamung und Heimunterbringung, diese bietet das Projekt an.

Hitzacker hat darüber hinaus attraktive Angebote für junge Familien, unserer zweiten Zielgruppe. Die Nähe zu den Schulen, der Bahn und den Geschäften und Kulturangeboten ist ein starkes Argument, dorthin zu ziehen. Auch Gewerbeansiedlungen sind möglich. Wir wünschen uns noch etwas mehr Zuspruch aus dieser Gruppe. Für die Geflüchteten bietet das Projekt die Chance neu anzufangen und dort heimisch zu werden. Wir planen Bildungsangebote für diese dritte Zielgruppe, die es ihnen ermöglicht, das soziale Netz schnell und dauerhaft zu verlassen. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, wollen genau das.

Jeder weiß, dass das Handwerk, die Gastronomie, die Industrie und Pflege dringend Personal suchen. Damit diese Menschen wirklich Fuß fassen können, bieten wir ihnen Sprachkurse, freundschaftliche Kontakte, Fortbildung, Hilfe bei der Qualifizierung und Anerkennung der schulischen und beruflichen Abschlüsse. Das alles kann und will dieses Dorf in Hitzacker auf den Weg bringen. Wir glauben, dass dieses Projekt den ländlichen Raum beleben wird, es ist klar zu erkennen, dass die momentane Situation mehr Chancen als Risiken bereit hält. Die gesellschaftlichen Probleme in zum Beispiel Deutschland, Syrien, Afghanistan oder Osteuropa unterscheiden sich gar nicht so wesentlich voneinander. So zerfallen überall die gewachsenen Familienverbände, es liegt auf der Hand, sich also nach Wahlverwandten umzuschauen. Dafür strecken wir die Hände aus, wir wollen uns näherkommen. Jeder kennt, dass ein Fremder nur so lange fremd ist, bis wir ihn kennengelernt haben.

Wer sich über den Stand in diesem Projekt auf dem Laufenden halten möchte, kann das unter www.zufluchtwendland.de jederzeit tun. Oben rechts findet man den Button Dorf. Eine Kirche oder Moschee wird man dort vergeblich suchen, ein Gemeinschaftshaus aber finden.

Thomas Hagelstein,

Tießau

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