Online: 26.02.2016 - ePaper: 27.02.2016

Blick durch die Moralbrille

Betrifft: Leserbrief "Börsenspiel unverantwortlich" von Herrmann Klepper (EJZ vom 17. Februar)

Ich muss schon sehr bitten, Herr Klepper. Insbesondere die jungen Teilnehmer des Börsenspiels möchte ich nach ihrem Rundumschlag gegen die Finanzwelt an dieser Stelle in Schutz nehmen. Ihre Äußerungen sind für mich beinahe schon so "unverantwortlich" wie das Börsenspiel für Sie. Dazu Folgendes:

Der Begriff "zocken" ist erfahrungsgemäß nicht unter Bankkaufleuten, sondern vielmehr unter überzeugten Finanz- und Kapitalismuskritikern verbreitet, sodass dessen Gebrauch einen eindeutigen Rückschluss auf die wirtschaftspolitischen Ansichten des Verwenders zulässt. Sie haben vor allem die Teilnehmer des Börsenspiels massiv kritisiert und lediglich am Rande den Veranstalter, obwohl sich Ihre Kritik allenfalls gegen diesen richten dürfte. Man könnte meinen, die Teilnehmer hätten durch ihre Teilnahme etwas falsch gemacht und wären auf dem besten Weg in die Wirtschaftskriminalität beziehungsweise im Visier unverschämter Banken, die jetzt schon an Schulen Nachwuchs rekrutieren.

Ihre Äußerungen lesen sich so, als hätten die Teilnehmer ihr Geld verzockt, Herr Klepper, sofern sie überhaupt Geld verzockt haben. Es handelt sich bei Börsenspielen eher um Ausbildungsmaßnahmen als um kapitalistische Indoktrination von Jugendlichen. Glauben Sie wirklich, dass alle Teilnehmer rücksichtslose Finanzbosse werden wollen und an einem Börsenspiel teilnehmen, um dafür rechtzeitig die Grundlage zu schaffen?

Aktiengeschäfte sind zwar manchmal Ursache für die Vernichtung von Arbeitsplätzen, wesentlich öfter aber der Grund für deren Existenz. Ich bezweifle ernsthaft, dass zum Beispiel der Volkswagen-Konzern ohne die Finanzierung durch Aktiengeschäfte heute mehrere Hunderttausend Mitarbeiter beschäftigen könnte. Diese angeblich moralisch verwerflichen Geschäfte, die Sie regelrecht gegeißelt haben, sind daher bei Weitem nicht so sozialfeindlich wie von Ihnen behauptet. Diejenigen, die die Gewinne erwirtschaften, haben, anders als von Ihnen dargestellt, sehr wohl die Möglichkeit daran teilzuhaben, unter anderem durch den Erwerb von Aktien des eigenen Unternehmens. Hierzu verweise ich erneut auf den Volkswagen-Konzern, der seinerzeit sogar eine Gratisstammaktie an jeden Mitarbeiter ausgegeben hat.

Tun Sie mir, dem Veranstalter und vor allem den gescholtenen Teilnehmern des Börsenspiels den Gefallen und versuchen Sie künftig die richtigen Sachverhalte mit den richtigen Argumenten differenziert und sachlich zu beschreiben. In diesem Fall hat Ihr anscheinend starrer Blick durch die Moralbrille Ihre Äußerungen nicht nur in eine allgemeine Finanzschelte, sondern sogar in eine oberflächliche Breitseite gegen Banken und die gesamte Finanzwelt verwandelt, die die tatsächlichen Verhältnisse unzutreffend darstellt.

↔Ingo Rüdiger, Dannenberg

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