Online: 29.02.2016 - ePaper: 01.03.2016

Gesamtschule weniger effektiv

Betrifft: Leserbrief "IGS: Wieso einseitiger Blindflug?" von Kurt Herzog (EJZ vom 20. Februar)

Der Vorschlag, in Dannenberg eine Integrierte Gesamtschule einzurichten, ist von besonderer Bedeutung, weil sich die Gesetzeslage 2015 geändert hat. Jetzt hat eine Gesamtschule zur Folge, dass alle anderen weiterführenden Schulen im Einzugsbereich wegfallen. Damit würden wir die Wahlmöglichkeit verlieren, auf welche Schulform wir die Kinder schicken wollen. Insofern ist der Ausdruck "Zwangsbeglückung" der CDU-Landtagsabgeordneten Bertholdes-Sandrock zutreffend. Völlig unakzeptabel wäre es, über so eine einschneidende Weichenstellung für die Zukunft unserer Gesellschaft allein die Eltern von Grundschul- und Kindergartenkindern abstimmen zu lassen.

Seit rund 40 Jahren gibt es Gesamtschulen. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) hat eine Studie "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter (BIJU)" durchgeführt. Die Gesamtschule schneidet darin schlecht ab. Da Vergleiche häufig schwierig sind, weil es mehr Variablen gibt als nur die Schulform, ist nur der "Vergleich vergleichbarer Schüler" aussagefähig. Dazu veröffentlichten J. Baumert und O. Köller in der Zeitschrift "Pädagogik" 6/1998 eine Auswertung von BIJU-Daten von vergleichbaren Schülerpaaren: "Beim Vergleich zwischen Real- und Gesamtschule zeigt sich, dass in der Realschule bei gleichen kognitiven und sozialen Eingangsvariablen die Leistungsentwicklung günstiger als an der Gesamtschule verläuft. Bei gleichen intellektuellen und sozialen Eingangsbedingungen erreichen Realschüler am Ende der Sekundarstufe I etwa in Mathematik einen Wissensvorsprung von etwa zwei Schuljahren." "Noch stärker sind diese Effekte, wenn man Gesamtschule und Gymnasium vergleicht. Bei gleichen intellektuellen und sozialen Bedingungen beträgt der Leistungsvorsprung in Mathematik am Gymnasium mehr als zwei Schuljahre. Es gibt keine Hinweise, dass die ungünstige Leistungsentwicklung durch besondere überfachliche Leistungen kompensiert werden könnte."

Realschüler erreichten am Ende des 10. Jahrgangs einen höheren Leistungsstand als Schüler der gymnasialen Kurse an Gesamtschulen. Auch im "sozialen Lernen", das in besonderer Weise für das Gesamtschulmodell ins Feld geführt wird, ist der Fördereffekt der Gesamtschule geringer als im herkömmlichen gegliederten Schulsystem. Im 2. BIJU-Zwischenbericht steht, dass bei Gesamtschülern die egoistischen Motivationen bis zum 10. Jahrgang zunahmen. Bei Schülern des gegliederten Schulwesens war das umgekehrt, also so wie man es sich wünscht.

Zu der erhofften "Chancengerechtigkeit" zitiere ich aus dem "MPIB-Bildungsbericht 2008", Seite 642: "Auch der Gesamtschule gelingt es nicht, den Zusammenhang zwischen Herkunft und Schullaufbahn aufzuheben oder nachhaltig zu reduzieren." Das Gesamtschulmodell ist also von Bildungsforschern seit langer Zeit als eine in jeder Hinsicht weniger effektive Schulform erkannt worden.

↔Johann-Adalbert Hewicker,

↔Dannenberg

^ Seitenanfang