Online: 16.03.2016 - ePaper: 17.03.2016

Soziale Sicherheit brach weg

Betrifft: Leserbrief "Betrogene Menschen" von Jürgen Hempel (EJZ vom 9. März)

Als ich jenen Beitrag las, war ich wütend, entsetzt oder einfach traurig über eine so geballte Ladung Halbwissen. Ich bin 60 Jahre alt, wuchs in diesem "Unrechtsstaat" DDR auf, Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit, Heirat, Kinder - also ein ganz normaler Lebenslauf. Ich weiß nicht, ob Herr Hempel vor 1990 jemals in der DDR war, mir erscheint es aber abwegig. Zur Klarstellung: Die Vietnamesen, die aufgrund bilateraler Verträge in die DDR kamen, wurden keineswegs bevorzugt behandelt. Für die DDR-Bürger waren sie fast Exoten, da der Ausländeranteil, gemessen an der Gesamtbevölkerung, doch gering war. Nach meinen Erfahrungen wurden sie zum großen Teil mit Respekt behandelt. Diese Vietnamesen als Ursprung für die heute vorhandene Ausländerfeindlichkeit zu sehen, erachte ich als falsch. Der Brandanschlag Rostock-Lichtenhagen: Was damals passierte, erschütterte den Großteil der Bevölkerung. Jedoch: Der Ausgangspunkt war ein anderer. Wochen vorher schon kam es zu Aus-einandersetzungen, Gesprächen, Forderungen bezüglich rumänischer Gruppen, die im Neubaugebiet Lichtenhagen im wahrsten Sinne des Wortes "lagerten" mit allem Unrat. Das trieb die Einwohner der Plattensiedlung auf die Barrikaden. Doch nichts passierte. Die Situation eskalierte, nachdem die rechten Rostocker Trupps sich mit anderen aus West und Ost solidarisierten und den "Angriff" auf das Wohnhaus starteten, in dem die Vietnamesen lebten. Es war erschreckend - das brennende Haus, die nicht handlungsfähige Polizei und die jodelnden Massen auf der Brücke. Der Anschlag war das Werk der vereinigten rechten Deutschen. Die Ursache von ausländerfeindlichen Tendenzen im Osten liegt mehr im sozialen und persönlichen Bereich. Nach der Wende brach für die Ex-DDRler die soziale Sicherheit weg. Das versteht nur ein "gelernter DDR-Bürger". Viele wollten Reisefreiheit, Autos, volle Geschäfte - doch darüber definiert sich nicht das Selbstwertgefühl eines Menschen. Das geschieht durch eine sinnvolle Tätigkeit. Durch das Wegbrechen der sozialen Systeme, durch Arbeitslosigkeit wurden viele mit Problemen konfrontiert, denen so manche nicht gewachsen waren. Ängste treten hervor. Ein Ausdruck dessen ist auch die Angst vor dem "Fremden", dass jene das Bisschen, was ihnen blieb, auch noch verlieren. Ich wehre mich dagegen, all das, was im Hier und Heute passiert, auf die DDR zu schieben. Ob heute ein objektives Bild der DDR-Geschichte vermittelt wird, bezweifle ich.

↔Regina Kück, Timmeitz

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