Online: 29.03.2016 - ePaper: 30.03.2016

Wir haben keine Zeit

Betrifft: Artikel "System fährt gegen die Wand" und Kommentar von Thomas Janssen (EJZ vom 17. März)

Zum Bericht "System fährt gegen die Wand" und Kommentar zu der Veranstaltung der Diakonie am 15. März in Dannenberg: Es ging um Kapitalismus.

Ich sehe, wie diese Wirtschaftsform, wie unser materieller "Wohlstand", wie unsere maßlose Art zu leben, Natur und Lebensgrundlagen in den Ländern des Südens zerstört, das Klima anheizt, schon jetzt Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen macht. Ich sehe, wie diese Wirtschaftsform Menschen ausbeutet, zu menschenunwürdigen, erbärmlichsten Lebens- und Arbeitsbedingungen führt, Ursache ist für Kriege um Rohstoffe, Verletzung von Menschenrechten.

Es erstaunt mich, wie man diesen Hintergrund ausblenden und in einem Kommentar - ohne zu differenzieren - schreiben kann, was der Kapitalismus an "menschenwürdigem Leben erreicht hat" und dass es möglicherweise zu "Barbarei" käme, würde der Kapitalismus zusammenbrechen. Das, was wir mit unserer Wirtschaftsform woanders anrichten, das ist "Barbarei" und führt eben gerade nicht zu " menschenwürdigem Leben", sondern zu Leid von Millionen von Menschen. Wollen wir das weiter zulassen? Wir müssen anfangen, einen anderen Weg zu gehen, Schritt für Schritt. Und wir haben keine Zeit! "Das System fährt gegen die Wand." Nicht nur, dass wir die Erde übernutzen und 2050 drei Erden bräuchten. Es wird uns auch nicht gelingen, die Erd-erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wenn wir bis zum Jahr 2050 so weiter wirtschaften und leben. Die Auswirkungen sind bekannt! (Pressemitteilung Umweltbundesamt 17. März: Statt Minderung, Anstieg der Emissionen 2015).

In den kommenden etwa drei Jahrzehnten stellen wir die entscheidenden Weichen für die Lebensbedingungen aller Generationen, die nach uns leben! So befremden Aussagen, die Ansätze zu einer notwendigen Veränderung unseres Wirtschaftens bremsen und blockieren, wie "...vielleicht entwickelt sich etwas Neues, ohne dass man es merkt" (Frau Herrmann) oder: Wenn wir unsere Wirtschaftsform verändern, könnte die Welt zusammenbrechen (Kommentar). Auf was warten wir eigentlich?

Ja, der Kapitalismus fährt gegen die Wand, doch die Aussage "aber niemand erforscht den Bremsweg" (Frau Herrmann) stimmt nicht: Es gibt sehr viele junge Wirtschaftswissenschaftler, die sich in der "Degrowth-Bewegung" international vernetzt haben, gemeinsam an alternativen Wirtschaftskonzepten arbeiten, ihr Wissen in die Hochschulen, in die Politik tragen und mit Vorträgen in der ganzen Republik verbreiten (Info: www.degrowth.de). Die Leitfigur vieler dieser jungen Wissenschaftler ist der Ökonom und Wachstumskritiker Prof. Niko Paech, dem Frau Herrmann nicht gerecht wird, wenn sie seine Ansätze als nicht zielführend bewertet. Niko Paech ist einer der Wachstumskritiker, der mit seinen Arbeiten entscheidend die Diskussion hin zu einer humanen Wirtschaftsform voranbringt.

Hermann Klepper, Banzau

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