Online: 29.03.2016 - ePaper: 30.03.2016

Zocker auch in der Realwirtschaft

Betrifft: Leserbriefe "Börsenspiel unverantwortlich" von H. Klepper (EJZ vom 17. Februar) und "Blick durch die Moralbrille" von I. Rüdiger (27. Februar)

Ich möchte zur der Debatte über den "bösen" Banker noch einen Kommentar hinzufügen. Für den Stammtisch ist der übelste Schurke im Land nicht der Denunziant, sondern der Spekulant. So ist der Banker zum Prototyp des verantwortungslosen Zockers geworden und gilt als Feind Nummer Eins. Dagegen kann dasselbe Stammtischbewusstsein dem Unternehmer viel Gutes abgewinnen, der sich ja nicht im luftigen Finanzüberbau herumtreibt, sondern materielle Dinge produzieren lässt und dabei Arbeitsplätze benötigt. Man kritisiert nicht den Kapitalismus, sondern möchte zwischen unseriösen finanziellen Glücksspielen und bodenständiger Realwirtschaft unterscheiden.

Aber ist das realwirtschaftliche Kapital mit seiner materiellen Basis wirklich so fern vom spekulativen Denken? Auch der industrielle Profit steht nicht von vornherein fest, sondern muss in der Konkurrenz erst gewonnen werden. Kein Unternehmen weiß im voraus, ob es seine Waren überhaupt absetzen kann. Also ist auch die materielle Produktion ein Risikospiel auf dem Feld der universellen Konkurrenz und der realwirtschaftliche Manager unter Umständen ebenso ein Zocker wie der Investment-Banker. Nur der Einsatz ist ein anderer: nicht papierene Finanztitel, sondern Maschinen, Rohstoffe und Menschen. Lange Zeit wollte die Wirtschaftswissenschaft die Risiko-Konkurrenz nicht mit dem Denkbild des Glücksspiels in Verbindung bringen.

Versuche, die mathematische Spieltheorie auf das ökonomische Verhalten anzuwenden, kamen nur von Außenseitern. Dies hat sich durch den Risiko-Einsatz in der industriellen Realwirtschaft verändert. Trumpf im Spiel der Konkurrenz ist die betriebswirtschaftliche Kostensenkung. In der Realwirtschaft geht es dabei um Risikobereitschaft. Das betrifft die Sicherheitsstandards im Umgang mit gefährlichen Naturstoffen und Verfahren. Der im Krisenkapitalismus verschärfte Konkurrenzdruck hat längst diesen sensiblen Bereich erfasst.

Die Kehrseite der Entwicklung ist der Einsatz immer größerer Aggregate der Produktion und immer weniger ausgereifter Techniken. So war die riesige Ölpest im Golf von Mexiko 2010 laut dem Untersuchungsbericht auf eine rigide betriebswirtschaftliche Strategie der Zeit- und Kostenersparnis zurückzuführen. Sind wir in einem Wirtschaftssystem, in dem Glücksspiel die oberste Handlungsmaxime (Moral) ist? Die Finanzspekulanten spielen wenigstens bloß mit Papier, die großindustriellen Zocker mit der Natur, mit dem Leben und der Gesundheit von Menschen. Wer ist verantwortungsloser? Die Kette der betriebswirtschaftlich verursachten industriellen Katastrophen ist in den vorigen 30 Jahren genauso dicht geworden wie die Kette der Finanzkräche. Und die nächste kommt bestimmt.

Dr. Hans-Jörg Schlichte,

Hitzacker

^ Seitenanfang