Online: 26.04.2016 - ePaper: 27.04.2016

Abstandsberechnung substanziell?

Betrifft: Artikel "Zehn Standorte vorgesehen" (EJZ vom 20. April)

In Lüchow bei der jüngsten Ausschusssitzung des Kreistages ist die Lokalität mit Bibelsprüchen bepflastert. Überall. Bibeln liegen aus. Tagt der Kreistag demnächst in der Kirche? Zumindest die Getränke wären dort günstiger. Ein Kaffee, kleine Tasse, schwarz mit daumenbreitem Abstand zum Rand, ohne Service, kostet in dem göttlich beworbenen Etablissement zwei Euro; nein, nicht inklusive Pfand.

Die gottbeworbene Sitzung beginnt mit einem Vortrag, wie man gedenkt, im Landkreis den Klimawandel zu unterstützen. Aufgeweckt werde ich durch ein Stakkato von high heels, die eine junge Frau 25 Meter quer durch den Raum zu einem Laptop tragen, um die nächste langatmige Powerpoint-Präsentation zu starten. So geht das mehrmals. Der EJZ-Journalist neben mir schüttelt hin und wieder ungläubig den Kopf, und ich freue mich schon insgeheim auf einen pointierten Kommentar. Dann kommt die Rechenstunde der Herren Schwarz und Gockel. Aber obwohl ich in Mathe immer gut war, habe ich diese Gleichung mit drei Unbekannten nicht verstanden. Weil überall wichtige Vögel brüten, die Rundlinge Weltkulturerbe werden sollen, bleibt kein Platz für Windräder. Vorgegeben ist anderswo ein Mindestabstand zur Wohnbebauung vom Zehnfachen der Höhe des Windrads. Weil der Kreistag bereits einmal die Abstände auf 900 Meter gekürzt hat, um mindestens 1,7 Prozent der Landkreisfläche als substanziellen Raum für WKA auszuweisen und trotzdem keine Fläche für Windenergie übrig blieb, wird nun nach der Formel Landkreisgröße geteilt durch Einwohnerzahl mal Einkommen des Planers, potenziert mit der drei, Wurzel aus dem Alter des Landrats gerechnet und kommt so auf 600 Meter Abstand, das heißt nullkommafünfundknipps Prozent. Das wird jetzt als substanziell bezeichnet. Die ersten Gerichte halten längst 0,2 Prozent für substanziell. Aber was soll's. Wir sollen Windkraft kriegen, das rechnen die uns hin. Nicht jedem im Raum ist aber klar, dass wir Menschen nun nicht mehr die Krone der Schöpfung sind. Würde man den Menschen in den Niedersächsischen Windenergieerlass als normales Lebewesen aufnehmen, stünde er deutlich schlechter da als beispielsweise Rotmilan und Schwarzstorch, denen ein Mindestabstand von bis zu 3000 Meter zu deren Wohnbereichen zugestanden wird. Weshalb die Höhenbegrenzung auf 150 Meter festgelegt werden soll, welche Formel dazu verwendet wurde und welchen Bezug die Höhe zum 600-Meter-Abstand hat, wird nicht verraten.

Beim Verlassen fällt mir Gen. 1,1 bis 2,4a ein. "Macht Euch die Erde untertan!" Das hätte der Lei(d)spruch sein können. Aber besser wäre ein Hinweis auf Psalm 24,I gewesen: "Die Erde ist des Herrn und alles was darinnen ist." Oder wohl auch Lukas 12: Hütet Euch ... vor der Heuchelei." Einen knackigen Kommentar suchte ich in der EJZ dann doch vergeblich.

↔Willi Hardes, Braasche

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