Online: 29.04.2016 - ePaper: 30.04.2016

Stark und selbstbewusst

Betrifft: Artikel "Dekolletee der Loren" (EJZ vom 23. April)

Wie bitte? Auch wenn die Dame, die sich in Dannenberg aus dem Fenster lehnt, nicht Sophia Loren hieße, wäre ich empört bis angeekelt durch diese obszöne Darstellung? Schade, dass mir das bisher nicht aufgefallen ist, ging ich doch fast täglich daran vorbei, ohne etwas Anstößiges zu bemerken. Ich hätte mich gewaltig empört. Jetzt, wo mir die Augen geöffnet wurden, werde ich mich zukünftig hüten, meine Unterwäsche zum Trocknen im Garten vor aller Augen aufzuhängen. Wenn ich beobachtet würde, wie ich sie aufhänge, würde man mich doch sofort darauf reduzieren, und außerdem bediente ich da doch selbst die tradierten Geschlechterklischees in mehrdeutiger Hinsicht, wäre quasi sexistisch mir selbst gegenüber.

Aber es geht ja um Kunst. Dazu alles auszuführen, würde den Rahmen sprengen. So viel ist klar: Über Qualität eines Werkes kann man streiten, über den Inhalt aber nicht. Das Motiv sollte zu einem Fenster passen, das zugemauert war. Der Filmausschnitt passte da gut rein. Es hat meiner Meinung nach sogar einen gewissen Witz, Frau Loren in Dannenberg aus dem Fenster gucken zu lassen. Als ob sie da wohnte. Die Debatte darum wirft ein Licht auf das komplexe Feld der Kunstfreiheit. Bisher leben wir Künstlerinnen und Künstler in einem Klima, in dem selbstbestimmte Entfaltung und Ausübung unseres Berufs möglich ist (von gewissen zu Recht verbotenen Symbolen abgesehen). Zieht jetzt auch noch die Zensur in Dannenberg ein? Scheinen irgendwie Mode zu werden, solche Ansinnen. Allein die Meinung von Frau Ramm, dass das Motiv sittliches Empfinden der Dannenberger Bewohnerinnen und Bewohner stören könnte, zeigt, für wie prüde und hinterwäldlerisch sie diese hält.

Ein Dekolletee. Oh, da werden wir alle schamrot. Und Unterwäsche dazu. Wie frivol. Und ich als Frau sehe womöglich eine Herabwürdigung meinerseits oder der Frauen generell. Sie selbst hält das Bild für sexistisch, die Anmutung einer Sittenpolizei ist der eigentliche Skandal. Frau Loren wirkt für mich auf dem Bild nicht als Frau zum Objekt degradiert, sondern stark und selbstbewusst. Eine, die sich nicht scheut, ihre Wäsche zur Schau zu stellen, und ihr Dekolletee dazu. Wahrnehmung und Bewertung (wann ist es Sexismus, wann "nur" Kunst?) sollte jeder Person, die das Bild sieht, selbst überlassen werden. Die eine freut sich dran, der andere nicht. Manchen ist es egal. Bei allen Sexismen geht es um eine Abwertung von Frauen oder Männern gegenüber dem anderen Geschlecht. Den Kommentar von Kurt Herzog über die männerorientierten Gremien, die sich eine Auseinandersetzung über das Bild vermutlich schenken, finde ich sexistisch.

↔Hanínga Thiel, Dannenberg

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