Online: 02.05.2016 - ePaper: 03.05.2016

Gefahrbringende Macht von Industrie und Handel

Betrifft: TTIP und die Flüchtlinge

Wir schauen nach Hannover und sind stolz auf die größte Industriemesse der Welt, wo sich die starke Kraft und auch die alles beherrschende Macht der erzeugenden Seite unserer Wirtschaft präsentiert. Eine entsprechende Schau der Händler gibt es nicht. Aber auch diese andere Seite der Wirtschaft wird durch die wachsenden Globalisierungstendenzen immer mächtiger. Beide gehören zur Grundlage unseres Wohlstands. Unsere florierende Industriegesellschaft und unser Wohlstand beruhen nur zum Teil auf unserem arbeitsamen und gut organisierten Lebensstil, andererseits aber auch auf unserem Verhältnis zu anderen Ländern: Angefangen von der Kolonialisierung bis zum heutigen Stil der Ausbeutung beispielsweise der Länder Afrikas, aus denen die Industrieländer große Mengen an Bodenschätzen mit nur geringer Gegenleistung heraus holen. Außerdem bringen wir die "Segnungen" des Kunstdüngers, der Schädlingsgifte, der Gentechnik und der ausländischen Plantagenbetreiber in diese Gebiete. Dadurch werden die gewachsenen Strukturen empfindlich gestört.

Bei uns verbrauchen wir durch unseren anspruchsvollen Lebensstil mit endlosen Bedürfnissen viel zu viele Ressourcen. Und der übermäßige Energieverbrauch, der durch Industrie und Handel immer noch gesteigert wird, verursacht weltweit große Umweltbelastungen sowie bedrohliche Klimaschäden. Wenn durch den Klimawandel in gewissen Ländern die Dürrezeiten überhand nehmen, wird die Armut bis zur Unerträglichkeit gesteigert. So hängt unser Wohlstand ursächlich mit deren Armut zusammen. Wir versäumen es aber nach wie vor, diese Menschenbrüder an unserem Reichtum genügend teilhaben zu lassen. Und schließlich sind diese Menschen so verzweifelt, dass sie ihre Heimat verlassen, um sich auf teuren und unsicheren Wegen nach Europa durchzuschlagen. In den Ländern des vorderen Orients hängen die Schwierigkeiten mit anderen Versäumnissen der westlichen Industriestaaten ursächlich zusammen.

Nun müssen wir erleben, wie sich endlose Flüchtlingsströme an Europas Grenzen drängen. Diese Probleme nehmen bedrohliche Formen an. Es entstehen in Europa interne Gegnerschaften, und alle versuchen krampfhaft, ihren mehr oder weniger großen Reichtum selbst zu behalten und zu verteidigen. Durch diese echte Bedrängnis müssten wir noch mehr aufwachen, um auf unserer Seite die gefahrbringende Macht der Industrie und des Handels zu erkennen und zu mindern.

Jetzt wieder ein Blick auf unsere Wirtschaft: Der angestrebte transatlantische Handelspakt bringt nun an den Tag, dass die Macht der Konzerne so groß wird, dass sie sich anmaßt, rechtliche und kulturelle Standards unserer Demokratie für ihre selbstbezogenen Zwecke aushebeln zu wollen. Ist es übertrieben zu sagen: Je mehr Macht dem Handel bzw. den Konzernen, desto mehr verzweifelte Flüchtlinge?

↔ Stoewer, Hitzacker

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