Online: 28.06.2016 - ePaper: 29.06.2016

Knausern, bis der Arzt kommt

Betrifft: Artikel "Praxis: 100000 Euro beschlossen" (EJZ vom 9. Juni)

"Familie und Kinder haben Vorrang", das ist eine schöne Devise, die unser Bürgermeister Wilhelm von Gottberg als Guru für Kommunalpolitik auf AfD-Kursen predigt. Volle Zustimmung von mir und wohl den meisten Einwohnern von Molden. Denn wir sorgen uns um die Verkehrssicherheit unserer Kinder, die hier immerhin 30 Prozent der Bewohner ausmachen. Zu ihrem Schutz möchten wir für unsere Ortsdurchfahrt den Status der geschlossenen Ortschaft, wie sie ihn auch alle anderen Dörfer in Schnega haben. An der Kreisstraße, die durch Molden führt, sind nicht die normalen gelben Ortsschilder, sondern nur kleine grün-gelbe Hinweisschilder. Diese geben normalerweise nur den Namen eines Ortes bekannt, an dem man vorbeifährt, und haben sonst keinerlei verkehrsrechtliche Bedeutung. Man fährt aber auf der Straße nicht an Molden vorbei, sondern durch das Dorf. Dabei wohnt die Hälfte der Kinder auf der einen Seite der Straße und die andere Hälfte auf der anderen, sodass sie deshalb häufig die Straße überqueren müssen.

Auf unsere Anfrage an die Gemeinde wurde uns geantwortet, dass die Umwidmung aus Kostengründen abgelehnt wurde, da Schnega eine "extrem finanzschwache" Gemeinde sei und man sonst die Grundsteuern erhöhen müsste. Dabei ging es um einen Betrag zwischen 1000 und 2000 Euro. Uns ist klar, dass wir nicht in einer reichen Gegend wohnen. Sparsamkeit ist uns nicht fremd. Wichtig ist aber, den Autofahrern klar zu machen, dass sie durch ein Dorf fahren, dass dort mit Kindern, älteren Menschen, Hunden und Katzen zu rechnen ist. Das signalisiert nur ein gelbes Ortsschild. An solchen Dingen zu sparen, ist keine Sparsamkeit, sondern ungesunde Knauserei. Wir wollen nicht warten, bis etwas passiert. Die Magersucht, das kommunale Knausern, bis der Arzt kommt, werden wir nicht hinnehmen.

Nun ist der Arzt da, das Knausern hat ein Ende. Er ist zwar kein Kind mehr, um Vorrang zu bekommen, aber immerhin aus einer wichtigen Familie. Was bei den Kleinbeträgen in unserem Fall ein großes Problem war, ist bei 100000 Euro plötzlich keines mehr. Von "extrem finanzschwach" war nichts mehr zu hören, von Steuererhöhungen auch nicht. Es gab also doch noch Geld in Schnega, doch nun ist es auch schon wieder weg. Der Gemeinderat hat seinen finanziellen Handlungsspielraum verschenkt, und das kommunale Knausern wird weitergehen.

Warum hat man die Räume nicht einfach als Eigentumswohnung an den Arzt verkauft? Das wäre eine saubere Trennung zwischen ärztlichen, familiären und kommunalen Interessen gewesen. Die Gemeinde hätte genug Geld für ihre eigentlichen Aufgaben, und die Sorgen von Frau Krause, dass der Arzt als Mieter wieder abspringen könnte, hätten keine Grundlage. Der Arzt hätte sich unbelastet von Politik und Familie seine Praxis und einen eigenen Ruf als Arzt für ganz Schnega aufbauen können. Und der Bürgermeister mit seinen Gefolgsleuten im Rat hätte einen Rest von Glaubwürdigkeit behalten können.

↔Jobst Quis, Molden

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