Online: 11.07.2016 - ePaper: 12.07.2016

Nachhaltig in Generationen denken

Betrifft: Milchpreisverfall

Da saßen sie nun also zusammen beim sogenannten Milchgipfel, der Bundeslandwirtschaftsminister, Vertreter des Bauernverbandes und der Molkereiwirtschaft, und lamentierten über die desolaten Milchpreise für die deutschen Bauern. Man verlangte Solidarität der Gesellschaft und schob ein paar hundert Millionen Euro Steuergelder im Gießkannenprinzip herüber, um Aktivität zu demonstrieren. Kein Wort darüber, dass das Ganze kein Naturereignis ist, sondern hausgemachte Folge der Politik derer, die da zusammen saßen.

Man wollte den Weltmarkt dominieren mit Milchmengen, produziert nach Auslaufen der Milchquote durch aufgestockte Turbokühe und intensiven Kraftfuttereinsatz, und ersäuft nun in der eigenen Milchflut. Der einzige Ausweg aus dieser Misere, die Reduzierung der Milchproduktion, wurde kategorisch abgelehnt. Das sei ja ein Eingriff in den Markt. Jahrelang wurde das Hohelied des Marktes gesungen, als man große Mengen subventionierter Agrarmärkte zerstörte. Jetzt, da die Menge zurückschwappt, heult man auf und schreit nach dem Staat.

Es gibt doch, genau genommen, nur zwei Möglichkeiten, wie der globale Agrarsektor organisiert werden kann. Die eine Möglichkeit ist der gnadenlose Markt, ohne Rücksicht auf Umwelt, Ressourcen und soziale Verhältnisse. Das kann mittelfristig noch funktionieren mit vielen Verlierern (auch unter den Bauern) und einigen wenigen Gewinnern, zum Beispiel die internationalen Agrarkonzerne. Langfristig wird das System kollabieren und die Hungernden werden dahin streben, wo sie noch ein Überleben erhoffen.

Die andere Möglichkeit ist eine regional ausgerichtete Landwirtschaft, die unterschiedliche Produktionsintensitäten nebeneinander ermöglicht, je nach den entsprechenden Verhältnissen. Sie würde sich an den regionalen Ressourcen und Märkten orientieren und nachhaltig in Generationen denken, wie Bauern es in der Vergangenheit immer getan haben, als sie sich noch nicht "landwirtschaftliche Unternehmer" nannten.

Ein Wort zur Solidarität, die jetzt von der Agrarlobby so eingefordert wird. Ich habe noch nie von solidarischen Tendenzen dieser Leute für afrikanische Bauern gehört, deren Märkte sie mit europäischen Überschussprodukten wie Hähnchenflügeln und Milchpulver zerstört haben, oder von Solidarität für Campesinos in Südamerika, die von Großgrundbesitzern von ihrem Land vertrieben wurden, um unter anderem für europäische Viehtröge Soja zu produzieren. Solidarität einfordern, aber nicht gewähren wollen - das geht doch wohl gar nicht.

↔Wolfgang Eisenberg, Bösen

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