Online: 25.07.2016 - ePaper: 26.07.2016

Flüchtlingen gilt Respekt und Nazis kein Pardon

ZoomSich für Flüchtlinge aktiv einsetzen und Nazis kein Pardon bieten, das fordert Leserbriefschreiberin Karin Berger.

Betrifft: Artikel "Arbeit geht erstmal weiter" (EJZ vom 7. Juli)

Drei männliche deutsche Staatsbürger ziehen alkoholisiert zur Flüchtlingsunterkunft nach Wittfeitzen, grölen das Horst-Wessel-Lied, zeigen den Hitlergruß und urinieren auf Kinderfahrräder syrischer Flüchtlinge. Dass es Nazis in Lüchow-Dannenberg gibt, ist keine Neuigkeit, dass diese alkoholisiert und in Gruppen auftreten, ist ebenfalls nicht verwunderlich.

Empörend ist die Haltung der Polizei, die davon spricht, dass einer der Protagonisten sich "reumütig" gezeigt habe und dass nicht festgestellt werden konnte, ob die Gruppe das Horst-Wessel-Lied "textsicher" gesungen habe. Was soll uns das sagen? Es war nicht so gemeint, alles nicht so schlimm? Alkohol entschuldigt das verbotene Singen der Parteihymne der NSDAP? Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Situation glimpflich ausgegangen ist, weil die Flüchtlinge ruhig geblieben sind und trotz aller Beleidigungen deeskalierend gegenüber den alkoholisierten Deutschen aufgetreten sind. Den Flüchtlingen gilt Respekt und Nazis kein Pardon - egal ob reumütig, textsicher oder nicht.

Kaum nachzuvollziehen ist für mich die Reaktion des Landkreises, der angekündigt hat, die Flüchtlingsunterkunft nun schließen zu wollen. Es mutet wie eine Bestrafung der dort verbliebenen Bewohner an, darunter auch eine hochschwangere Frau und Familien mit kleinen Kindern, dass ihnen angekündigt wird, dass sie erneut an einen anderen Ort verfrachtet werden, ohne dass sie Einfluss darauf nehmen können? Zur Erinnerung: Vorher waren sie in der Polizeiunterkunft Lüchow untergebracht und mussten diese Hals über Kopf verlassen. Instrumentalisiert der Landkreis den Vorfall, um die umstrittenen Unterkunft vorzeitig dicht zu machen.

Die Verunsicherung ist groß. Es trifft diejenigen, die aufgrund der bei einzelnen nicht nachvollziehbar langsam mahlenden Flüchtlingsbürokratie ungebührlich lange auf ihre Anerkennung als Kriegsflüchtlinge warten und mit dieser Situation schon stark belastet sind. Die meisten der mehr als 70 Bewohner konnten Wittfeitzen nach ihrer Anerkennung als Kriegsflüchtlinge verlassen und sich dort Wohnungen suchen, wo sie soziale Bezüge haben und sich Aussicht auf Arbeit versprechen. Ob dies für die Verbliebenen noch möglich sein wird, ist aufgrund der veränderten Gesetzeslage ungewiss. Es gibt Bewohner, denen die angekündigte Schließung entgegen kommt. Sie sehen darin eine Möglichkeit, vorzeitig aus Wittfeitzen weg zu kommen, das aufgrund der schlechten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wenig Mobilität bietet. Es gibt die anderen, die sich dort arrangiert haben. Anstatt für weitere Verunsicherung zu sorgen, könnte der Landkreis den Geflüchteten das Angebot machen, die Unterkunft zu wechseln und die, die bleiben wollen, in ihrer Entscheidung akzeptieren.

Karin Berger, Bischof,

UnterstützerInnenkreis für ↔Geflüchtete in Wittfeitzen

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