Online: 11.08.2016 - ePaper: 12.08.2016

Atmosphäre gegen Biosphäre

Zu: "Wir werden dann nicht bauen" (EJZ vom 4. August)

So eine Ratssitzung wie in Wustrow kann sehr aufschlussreich sein. Es ging unter anderem um die Ausweisung für Windanlagenstandorte. Der geladene Referent von der Firma Bioconstruct erläuterte das Vorhaben, bei Königshorst einen Windpark mit sechs Anlagen zu errichten. Er machte deutlich, wie wichtig die Windenergie für die Energiewende sei. Den meisten Zuhörern sprach er dabei wohl aus der Seele, weil ja dem Klimawandel etwas entgegengesetzt werden muss. Die wenigsten hatten jedoch mitbekommen, dass der Referent die Reise standesgemäß mit einem Elektro-Auto gemacht hatte. Das zwei Tonnen schwere Tesla Modell S, das auf dem Parkplatz am Starkstromanschluss aufgeladen wurde, gibt es in drei Versionen, von 300 bis 700 (!) PS, Spitze bis 250 km/h. Toll, was man mit Strom alles machen kann.

Eine Wende ist aber etwas ganz anderes. Beim Schwimmen zum Beispiel heißt das: am Ende der Schwimmbahn umdrehen, also um 180 Grad kehrt und in die entgegengesetzte Richtung weiterschwimmen. Energiewende bedeutet dagegen, weitermachen wie bisher, mit kaum veränderten Vorzeichen. Der Stromverbrauch stieg 2015 gegenüber dem Vorjahr um etwa 1,5 Prozent, trotz Einsparquote. Unter der Prämisse, das Klima zu retten, wird der Bevölkerung alles aufgezwungen, was man auch nur annähernd als öko oder bio vermarkten kann. Windenergie, Biogas! Der Schutz der Atmosphäre hat oberste Priorität, sagt man.

Dass das Ganze ein lukratives Geschäft, um nicht zu sagen, Abzocke ist, erwähnt man tunlichst nicht. 350000 Euro pro Jahr Pacht für 91 Hektar Windpark für 30 Jahre bedeutet jedes Jahr einen Lottogewinn. Knapp 4000 Euro pro Hektar ist eine gewaltige Summe, und sowohl die Firmen, die die Anlagen bauen, als auch die Investoren verdienen an den Windanlagen überaus prächtig, sonst könnten sie solche Pachten nicht zahlen und der Referent könnte seinen edlen Tesla nicht finanzieren.

Eigeninteresse wird hier zum Gemeinwohl erklärt. Und dabei zählt jeder Höhenmeter, weil jeder zusätzliche Meter Höhe ein Prozent mehr Gewinn bringt. Frei nach dem Motto "Tausche Atmosphäre gegen Biosphäre" spielt die Biosphäre bei alledem keine Rolle mehr. Vögel, Fledermäuse, das Landschaftsbild, die Gesundheit der Bevölkerung - alles egal. Hauptsache, so Yuppietypen dürfen weiter mit 250 km/h durch die Gegend brettern, nein - summen.

Eine Auskunft des Referenten widersprach im Übrigen der verbreiteten Meinung der Grünen-Bundestagsabgeordneten Julia Verlinden und dem Umweltbericht der RROP-Änderung. Pro Anlage gehen auf Dauer mindestens 2000 Quadratmeter als reine versiegelte Standortfläche verloren. Zusätzlich ist pro Anlage eine dauerhafte Zuwegung für große Fahrzeuge bereit zu halten. Ein Feldweg reicht da nicht. Also laut Firmenangabe zirka 3000 Quadratmeter totale Versiegelung pro Anlage.

Wie sang Robert Long in den 80ern? "Feste Jungs, macht nur weiter so, ihr bekommt noch alles kaputt!"

Willy Hardes,

Braasche

^ Seitenanfang