Online: 18.08.2016 - ePaper: 19.08.2016

Milchüberfluss in Europa

Betrifft: "Milchbauern erhalten vom Bund Nothilfen", EJZ vom 31. Mai

Wenn man die Nachrichten über die Milchbauern verfolgt, dann drängt sich der Eindruck auf, dass in der Agrarpolitik doch einiges aus den Fugen geraten sein muss. Aufgrund des Überangebotes befindet sich der Milchpreis im freien Fall und deckt bei Weitem nicht die Kosten für so ein wertvolles Grundnahrungsmittel. Die Bauern gehen auf die Barrikaden und haben eine 100-Millionen-Euro-Soforthilfe durchgesetzt. Damit wird aber keineswegs die Ursache des viel zu niedrigen Preises bekämpft, sondern es ist eher eine Beruhigungsprämie.

Als ich 1983 an der Höheren Landbauschule meine Prüfung zum staatlich geprüften Landwirt erfolgreich ablegte, war ein Prüfungsthema der niedrige Milchpreis und die geplante Mengenbegrenzung, das heißt: Einführung des Milchkontingents. Schon damals sagte der Lehrer, es gäbe dabei zwei Sichtweisen: A) Betriebswirtschaftlich heißt es schon seit Jahren "Wachsen oder Weichen", das heißt, es wurde und wird den Landwirten zu immer größeren Ställen geraten, die dann auch noch hoch subventioniert werden. B) Volkswirtschaftlich gesehen, wird die Milchmenge dadurch natürlich größer. Es kommt zum Überangebot und der Preis sinkt.

Das war also vor 33 Jahren schon das Problem, und ist es auch heute wieder, nachdem die Kontingente abgeschafft wurden. Da fragt man sich doch als Steuerzahler und Verbraucher, ob die verantwortlichen Beamten und Politiker diesen Zusammenhang nicht durchschauen wollen oder können und ob nicht ein grundsätzliches Umdenken in der Agrarpolitik dringend erforderlich ist. Nämlich:

Bessere Rahmenbedingungen für eine ökologisch vertretbare Landwirtschaft (in der Folge ist auch der Milchpreis höher), Besteuerung oder Verbot für Kraftfutter wie Soja, das über weite Strecken transportiert werden muss, nicht wirklich wiederkäuergerecht ist und im Ursprungsland für die Abholzung von Regenwäldern verantwortlich ist, Verringerung des Tierbesatzes pro Hektar und Einsatz von mehr Grundfutter (Gras und Heu), dagegen weniger Silage und vor allem keine Maissilage, sondern Runkelrüben, die sich in der Vergangenheit sehr positiv bewährt haben sowie die Rückführung des Einsatzes von Antibiotika, stattdessen wieder mehr Behandlungen mit bewährten Hausmitteln.

Das sind nur einige Punkte, die relativ schnell umsetzbar wären. Das würde sich letztlich auch betriebswirtschaftlich rechnen, weil die Tiergesundheit besser und zum Beispiel der Altersdurchschnitt pro Kuh wieder ansteigen würde, das heißt: Es würde nicht mehr so viel Nachzucht gebraucht, um kranke oder unfruchtbare Tiere zu ersetzen.

Ich bin jedenfalls als Verbraucher und Steuerzahler nicht länger bereit, diesen Wahnsinn zu unterstützen, das heißt, zusätzlich zu den ohnehin schon Milliarden Euro weiteres Geld in eine kranke Landwirtschaft zu pumpen.

”Michael Lehmann, Clenze

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