Online: 08.09.2016 - ePaper: 09.09.2016

Trotz mehr Blühstreifen weniger Wespen

Betrifft: Artikel "Mehr Blüten, weniger Mais" und "Blühstreifen: Fläche gestiegen" (EJZ vom 18. August)

Also weniger Mais, dafür mehr Blühstreifenfläche? Es ist alles in Ordnung, vermitteln die Artikel. Nichts ist in Ordnung! Anhand Ihrer Zahlen machen die 2000 Fußballfelder Blühstreifen weniger als 2,5 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche aus oder, um in Ihrem Vergleich zu bleiben, 81735 Sportplätze entfallen auf die übrigen "Aktivitäten" der Landwirte. Das entspricht etwa der Zahl aller Fußballfelder in Deutschland.

Trotz dieses 6,7 prozentigen Zuwachses an Blühstreifen erlebe ich jetzt den dritten Sommer in Braasche ohne Wespen, obwohl reichlich Pflaumen, Äpfel und Weintrauben bei mir im Garten anfallen. Die Schmetterlinge, in früheren Jahren zu Dutzenden an Majoran und Buddleja saugend, sind an zwei Händen abzuzählen. Anderswo ist es ähnlich. Der Zwetschgenkuchen in Bäckereien wird auch nicht mehr von Wespen verteidigt. Ein Cappuccino auf dem Dannenberger Marktplatz lässt sich ohne Wespenfallen genießen. Das ehemals lästige Abkratzen getrockneter Insekten von der Windschutzscheibe fällt nun sogar nach einer 500-km-Fahrt aus. Zu den 4032 ha "sonstige landwirtschaftliche Fläche" gehören auch Rapsflächen und große Gemüseschläge mit zum Beispiel Porree, Weiß- oder Rotkohl. Zum Schutz des Raps und (vorbeugend) der Gemüsejungpflanzen werden als Pflanzenschutzmittel in der Regel Neonikotinoide genutzt. Nun haben britische Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen dem Einsatz dieser Biozidgruppe und dem Rückgang von Wildbienen und Schmetterlingen bestätigt. Dass rund um Braasche reichlich Kohl- und Porree angebaut wird, zeigen die vielen Saisonarbeiter, die über Wochen im Einsatz sind. Die Fläche für Wintergerste hat im Wendland um 5,4 Prozent zugenommen? In Mecklenburg-Vorpommern hat das Landwirtschaftsministerium eine Untersuchung veröffentlicht, wonach ein Viertel der kontrollierten Gersteflächen mit Glyphosat behandelt wurde.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät, hat empfohlen, den Einfluss des Bauernverbands auf die Agrarpolitik zurückzudrängen und stattdessen Umweltverbänden und Verbraucherschützern mehr Gehör zu verschaffen. Schon startet die Gegenkampagne des Bauernverbandes. In der EJZ am Dienstag eine Darstellung des Kreisbauernverbandführers zur notwendigen Massentierhaltung, am Donnerstag die positive Bewertung der Blühstreifen und Maisbestände, am Freitag im Rundfunk die Jammernachricht, dass die Getreideernte so schlecht ausfällt und dazu die Forderung des Präsidenten des Bauernverbandes, dass mehr Pestizidwirkstoffe zugelassen werden sollten. Der stumme Frühling, von Rachel Carson 1962 veröffentlicht, löste quasi die Umweltbewegung aus. Dieser stumme Frühling wird kommen, "... weil die Landwirte von dem, was sie tun, leben müssen." (Adolf Tebel, EJZ, 11. August). Wespen, Bienen und Schmetterlinge also nicht?

↔Willy Hardes, Braasche

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