Online: 26.09.2016 - ePaper: 27.09.2016

Mit Herzblut undkritischer Distanz

Betrifft: Guter Journalismus

Es gibt drei Fälle in meiner langen Geschichte der Rezeption von Tageszeitungen, in denen ich in erster Linie wegen bestimmter Autoren mit großer Freude und stetem Interesse eine Zeitung kaufte, um die Reportagen, Artikel und Kommentare genau dieser Journalisten zu verfolgen. Als junger Student der Medienwissenschaften in Berlin habe ich mit Inge Bongers in "Der Abend" eine Feuilletonjournalistin kennen und schätzen gelernt, die sich kritisch und mit sehr großem Sachverstand mit der West-Berliner Film-, Theater-, Kleinkunst- und Literaturszene auseinandersetzte. Sie folgte nie beifallklatschend einem Trend oder gar der öffentlichen Meinung, sie war politisch nie korrekt, aber immer fair und differenziert in der Analyse. Sie positionierte sich klar, was ich mitunter als sehr mutig empfand, war sprachlich präzise und verzichtete auf jegliche Polemik.

Nach der Wende entdeckte ich Elisabeth Binder im "Tagesspiegel". Je nach Sujet veränderte sich ihre Sprache. Manche Texte waren kleine Essays, manchmal klangen ihre Worte wie Poesie. Sie stimmte den Leser auf ein brisantes Thema ein, nahm ihn bei der Hand und erschloss mit ihm hochkomplizierte Zusammenhänge. Gleichwohl überließ sie die endgültige Bewertung dem Leser, betrachtete ihn immer als mündig und sah ihre Aufgabe darin, ihn zu befähigen, weiterzudenken. Ihre Artikel über den Neubau des Potsdamer Platzes und zum Tode der Schlagersängerin Manuela habe ich aufgehoben, weil sie in jeder Hinsicht brillant waren. Die Mischung aus Intellektualität, handwerklicher Finesse und Empathie bauten außerdem Brücken im Zusammenwachsen der beiden kulturhistorisch so unterschiedlichen Stadthälften.

Der dritte Fall bezieht sich nicht auf ein Hauptstadtblatt oder eine überregionale Zeitung, sondern auf die EJZ. Und ganz speziell auf Benjamin Piel. Er verkörpert alle positiven Attribute, die ich oben im Zusammenhang mit den Kolleginnen Bongers und Binder aufgelistet und erläutert habe. Er ist ein Glücksfall für die kleine Provinzzeitung, die ich seit Jahrzehnten am Wochenende abonniert habe und in den letzten sechs Wochen täglich las. Ihm gelingt ein ganz schwieriger Balanceakt. Einerseits tritt er als Advokat der Wendländer auf und vergießt sein Herzblut für unsere Region, andererseits bewahrt er aber die kritische Distanz in Zusammenhängen, auf die ein gebürtiger Wendländer wie ich als regelmäßiger Besucher auch eher mit Stirnrunzeln reagieren würde. Und genau das soll ein guter Lokalredakteur tun. Dabei verzichtet er auf platte Polarisierungen, was sehr viel einfacher wäre und was sich manche seiner Leser sicher wünschten.

In Zeiten, in denen über die sozialen Netzwerke fast alles spontan, unreflektiert und im Affekt artikuliert werden kann, ist Benjamin Piel mit seinen Artikeln ein wohltuender Gegenpol. Hoffentlich bleibt er der EJZ noch lange treu - und es wird einmal eine Ära Piel geben, so wie es in meiner Jugend die Ära Zacher gab.

Michael Huber, Berlin/Streetz

^ Seitenanfang