Online: 13.10.2016 - ePaper: 14.10.2016

Gut gedacht, schlecht gemacht

Betrifft: Theaterstück "Die Stadt unterm Meer", aufgeführt am 30. September in Marlin

Man nehme ein paar Elemente des Nazi-Terrors (Erschießung am selbst geschaufelten Grab nach Ablegen der weiter zu verwendenden Kleidung, dröhnender Aufruf zur Pause im Gestapo-Mantel), mische sie mit dem Elend der aktuellen Flüchtlinge, den Untaten der Schlepper und den Grausamkeiten des Syrienkrieges, lockere das Ganze mit einer Baumarkt-Arche auf, untermale alles mit improvisierter Live-Musik (oft sehr beeindruckend) und stülpe darüber diverse Performances (in Teilen durchaus auch sehenswert). Ein Wortschwall aus deutscher, syrischer (?) und afghanischer (?) Lyrik ergießt sich über die Szenen. Dies alles dauert zwei Stunden in einer Scheune in Marlin. So beschreibe ich aus meiner Sicht den Theaterabend mit dem Titel "Stadt unterm Meer". Mal abgesehen davon, ob einem so etwas gefällt oder nicht, halte ich diese Mixtur für problematisch, weil in ihr die Einmaligkeit des Nazi-Terrors untergeht. Gerade wird der über 33000 Menschen gedacht, die vor 75 Jahren von SS-Leuten (treusorgenden Ehemännern und Familienvätern) in zwei Tagen (!) in einer ukrainischen Schlucht erschossen worden sind - das wären zwei Drittel der Lüchow-Dannenberger. Diese spezifisch deutschen Gräueltaten müssen allein behandelt werden und nicht in einem solchen Theaterstück mit "verkocht" werden. Gerade im Deutschland des Jahres 2016 wäre das sehr wichtig.

Mein Fazit des Abends in Marlin: Korrekt und gut gedacht - teilweise schlecht gemacht.

↔Wolfgang Eisenberg, Bösen

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