Online: 13.10.2016 - ePaper: 14.10.2016

Geistige Brandstifter zeichnen düstere Bilder

ZoomDieses gestohlene Auto sorgte in Hitzacker für einen Blaulichteinsatz der Polizei. Mathias Scherfke aus Bülitz nimmt den Bericht zum Anlass für seinen Leserbrief.

Betrifft: "Autodiebe statt Terroristen" (EJZ vom 26. September)

Es ist gefährlich, in welche Kerbe dieser Artikel zu schlagen versucht. Ist es wirklich das Erste, woran man in Hitzacker bei einem Blaulichteinsatz denkt - dass der Terror nun auch dort zugeschlagen hat? Wie konnte es so weit kommen? Das Schreckgespenst vom "islamistischen Terror" sollte "niemals ein Pauschalurteil gegen Flüchtlinge" sein. Das wurde stets von allen Seiten betont. Klar, dass genau dies aber passierte. Es geht nicht um Angst vor dem Terror, es geht um Panikmache: Eine der großen sogenannten Sorgen der bundesdeutschen Bevölkerung ist die Überfremdung und Vereinnahmung durch Andere. Vor allem durch jene, die hierher flüchteten. Doch sind diese Ängste wohl eher Rassismus. Die Fluchtgründe der Menschen haben in postkolonialer Manier so einiges mit der Eroberung und Verteidigung des Wohlstands hier zu tun.

Es ist zu beobachten, dass das demokratische System seine Funktion und Legitimation als gewaltausübendes System zunehmend auf dem Versprechen nach Sicherheit stützt. Dieser "Sicherheitsstaat" braucht die Bedrohung, die er selbst mit erschafft. Gepaart mit Nationalismus und Rassismus geben "Flüchtlinge" oder sogenannte Islamisten ein altbewährtes Feindbild ab. Die Stimmung spitzt sich zu. Geistige Brandstifter, eine breite, offen-rassistische Bevölkerung und zunehmende Gewalttaten zeichnen düstere Bilder.

Diese Stimmung wird angeheizt durch Medien, die das übertriebene Bild von der "Angst vor dem Terror" verstärken. Es reicht schon der medienwirksam verbreitete Verdacht des Terrorismus. Der Verdacht bestätigt die Angst, der (entlastende) Beweis oder die konkrete Gefahr interessieren später nicht mehr. Und genau dies ist nun in der Weltmetropole Hitzacker passiert, wobei es hier noch nicht einmal einen Verdacht, sondern lediglich einen Blaulichteinsatz gab.

Terrorakte von Rechten werden hingegen entpolitisiert und - wenn überhaupt - als bloße Gewalttaten bezeichnet. Ermittlungsbehörden sind seit jeher auf dem "rechten Auge" blind. Medien sollten wissen, was sie tun, wenn sie etwas schreiben oder veröffentlichen. Und wir sollten das aufmerksam beobachten. Denn der Terror spielt sich an anderen Orten ab: In den Ländern, aus denen die Menschen zur Flucht gezwungen sind. Bei denen, die extrem unter den Folgen der neo-kolonialen Ausbeutung und westlichen Interessenpolitik leiden und sterben. Bei den Geflüchteten, die instrumentalisiert, entmündigt, schlecht behandelt und wieder abgeschoben oder angegriffen werden. Die größte Gefahr ist kein "Terroralarm", sondern dass diese Entwicklungen nicht vermehrt Aufmerksamkeit finden. Das massenhafte Schweigen zu den aktuellen Ereignissen, die man als staatlich legitimierten Terror bezeichnen kann und die Verschiebung des Sag- und Denkbarkeitsbereiches weit weg von emanzipatorischen Perspektiven von Freiheit und Gleichberechtigung sind das Eigentliche, vor dem nicht nur die Leute aus Hitzacker Angst haben sollten.

↔Mathias Scherfke, Bülitz

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