Online: 24.10.2016 - ePaper: 25.10.2016

Bodo Arndt (Gühlitz) zur EJZ vom 8. Oktober:

Subjektives Empfinden

Fragwürdig! Die halbe Chefredaktion und der komplette "Lokalbrenner" Benny Piel ("Ich brenne für Lokales") in einer Person meint wohl mit "Hochkocher" nüchternen, kühl analysierenden und vorsichtig abwägenden Journalismus geliefert zu haben. Eher nicht. Dass er sich als (Gelegenheits-?)taz-Leser geoutet hat, ist angesichts des täglichen und kläglichen EJZ-Inhaltes mehr als verständlich. Piel verreißt einen taz-Artikel, der sich inhaltlich Rechten/Nazis auf dem Lande zwischen Lüneburg und Lüchow widmete. In der Überschrift und im ersten Abschnitt (vier Sätze!) wird aufs Wendland verwiesen. Piel formuliert aber so, als ginge es nur ums Wendland. Dem war aber nicht so. Meint er damit einen beispielhaften Beitrag zum Hochkochen von subjektiv Empfundenen geliefert zu haben? Eher nicht.

Wer beide Artikel gelesen hat, wird durchaus zum Schluss kommen, dass Piel genau das machte, was er dem Autor vorwirft, nämlich "Hochkochen" seines subjektiven Empfindens. Der Autor Andreas Speit hat mehr allgemein informiert, was sich in norddeutschen Dörfern tummelt und macht das, was Piel unterlässt: darauf hinweisen, dass es nicht nur im Osten, sondern sehr wohl auch im Westen "Völkische" gibt. Piel kocht zwar hoch, spielt damit aber runter und verharmlost somit. Sieht er in seinem putzig-flauschigen Wendland-idyll nicht, was sich entwickelt? Piel bringt's sogar fertig, die taz in die Ecke des "verschwörungstheorielastigen Kopp-Verlages" zu stellen. Das ist "irgendwas zwischen lächerlich und schäbig" - was Piel zuvor der taz/dem Autor vorwirft. Aus dem taz-Artikel lässt sich absolut nix Verschwörendes ableiten.

Piel sollte eigentlich wissen, dass die taz eine Vorreiterrolle übernommen hat. Dafür hat sie den Medienpreis Lead Awards in der Kategorie "Zeitung des Jahres" erhalten. Die Jury bescheinigte der taz "lange vor anderen Blättern mit den üblichen Gepflogenheiten der Gattung ,Zeitung' gebrochen zu haben." Das steht der EJZ noch bevor. Weiter wird betont, sie sei "ein heimlicher Vorreiter eines neuen, erweiterten, meinungsstarken Zeitungsjournalismus". Jury-Vorsitzender Markus Peichl: "Es war ein Zeitungsjahrgang erster Güte." Ebenso aktuell haben taz-Mitarbeiter Simone Schlindein und Dominic Johnson den Journalistenpreis "Der lange Atem" erhalten. Dieser wird verliehen für jahrelange Beharrlickeit, über ein relevantes Thema zu berichten. Dank dessen kam es zum ersten Kriegsverbrecher-Prozess in Stuttgart nach Völkerstrafrecht. Von Beharrlichkeit dieser Art ist bei der EJZ nix zu lesen. Es sei denn, man meint dort, jährlich gleichtönende Berichte über Schützenfeste seien beharrlich genug. Andreas Speit ist Rechtsextremismusexperte, wurde 2007 "Lokaljournalist des Jahres", 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award", erhielt 2012 den Journalisten-Sonderpreis des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung Sachsen-Anhalt. Noch Fragen, Herr Piel?

↔Bodo Arndt, Gühlitz

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