Online: 23.11.2016 - ePaper: 24.11.2016

So ein Tag wie dieser

Angela Berg-Töns, Satemin

Es ist vier Uhr morgens. Stürmisch, dunkel und zu früh. Familie Afghanistan packt ein: Essen, Trinken, Spielsachen, Windeln, Papiere. Sie haben drei kleine Kinder und in Braunschweig einen Termin zur Anhörung, und das bereits um acht Uhr. Übrigens: Mit Bus oder Bahn wäre dies ohne Übernachtung irgendwo gar nicht möglich. Aber wir sind ja mobil dank Ehrenamt und erreichen unser Ziel todmüde, weil der Schlaf in den letzten Nächten einfach nicht kommen wollte. Zu aufgeregt, zu angespannt, zu viel Angst. Es geht ja schließlich um alles bei dieser Anhörung: Heute wird entschieden, ob ihr Leben in Frieden weiter gelebt werden kann oder nicht.

Nachdem wir den Sicherheitsdienst passiert haben, bekommen wir schon eine Ahnung, dass außer der Familie Afghanistan noch viele, viele andere Familien zum gleichen Termin bestellt wurden. Es sind 70 oder sogar 80 Erwachsene, und dazu kommen natürlich ganz, ganz viele kleine Menschen, die an der Hand ihrer Eltern hängen oder im Kinderwagen hin und her gefahren werden. Die Anspannung ist spürbar. Es gibt nur eine handvoll Interviewer und Übersetzer für all diese Menschen. Ich muss nicht Mathematik studiert haben, um zu wissen, dass der heutige Tag dafür nicht ausreichen wird, außer wir bleiben bis... Nein, darüber wollen wir nicht nachdenken, nicht jetzt.

Ach ja, es gibt auch zwei Räume für uns mit Stühlen für die Hälfte der Menschen. Der Rest steht und steht. Drinnen ist es zu warm und draußen zu kalt. So wandern wir also mal rein, mal raus und freuen uns, dass es wenigstens nicht regnet oder schneit. Nach drei Stunden bekommen wir einen Zettel mit einem neuen Termin in die Hand gedrückt mit den Worten: "Leider können wir heute nicht alle befragen. Wir haben zu wenige Dolmetscher. Das tut uns sehr leid". Uns übrigens auch. Es tut uns leid, dass nach so vielen Anhörungen den Menschen immer noch zu viel zugemutet wird. Es tut uns auch leid, dass der Sicherheitsdienst, der sich wirklich um eine freundliche Atmosphäre bemüht, sich ständig dafür entschuldigt, dass es so voll ist, dass es nicht genug Stühle gibt, dass sie das alles nicht ändern können. Es tut uns auch leid, dass Kinder schreien und ihre Mütter kaum noch wissen, wie sie sie beruhigen können. Auch ich möchte schreien, tue es aber nicht. Es tut uns auch leid, dass alles so ist, wie es ist, und dass wir zu sprachlosen Mitspielern werden in einem Spiel, das schon lange kein Spiel mehr ist.

Mitgefühl ist die Grundlage unseres Lebens, die Grundlage für Frieden. Es ist das Leben mit Gefühl füreinander. Die Fähigkeit des Mitgefühls ist angeboren. Was wir daraus machen, ist unsere Verantwortung.

 

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