Online: 25.11.2016 - ePaper: 26.11.2016

Ordnung muss sein - Aufklärung nicht

Betrifft: Entwicklung in den USA und NSU-Prozess

In Zeiten der Mauern, Zäune und Wände, also der Zeitenwende zum Zeitalter der politischen Horrorclowns, drängt sich der Großmeister der Zeitgeister: Donald Trump. Ebenso drängt sich mehr und mehr oder weniger die gruselige Frage auf, wann deutsche Gespenster so ein politisch finsteres Gruselkabinett mit ähnlich makaberer Horrorshow hier spukend auf die Bühne bringen? Der Vorhang ist bereits geöffnet. Pandoras Büchse ebenso. Geladen. Entsichert. Der Geist aus der Flasche gelassen.

Welche Ursache könnte auch bei den Gründungsvätern der BRD (Mütter: Trümmerfrauen!) liegen, die nach 1945 die meisten Nazis in Amt und Würde beließen? Gesinnung und Geisteshaltung. Und zwar in allen Institutionen. Das nannte man witzigerweise "Entnazifizierung", statt "deutsche Brauchtumspflege". Teil der Saat, die nun aufgeht. Der NSU-Prozess zeugt beispielhaft davon. Getragen von konsequenter Vertuschung der Wahrheit und diszipliniert deutscher Gründlichkeit bei der Aktenvernichtung - durch pflichtbewusste Beamte in zweifelhafter Verfassung. Mit offizieller Dienstanweisung werden Aussagen verweigert und Erinnerungen getrübt. Geschützt durch befasste Ämter und Behörden. Befeuert durch den Richter, diktiert die Angeklagte teils die Bedingung. Löblich, denn wie meist in jeglicher deutschen Geschichte wurde und wird nur ordentlich seine Arbeit gemacht, werden gehorsam Befehle und akkurat Dienstanweisungen befolgt. Ordnung muss sein. Aufklärung nicht. Gleichzeitig dulden politisch Verantwortliche das achselzuckend. Gleichgültig schweigt die breite Masse der Mitte. So massig kann keiner kiffen, um gleichwertig breit zu sein. Wie relaxt und cool reagierte die Mitte nach den Morden an ausländischen Bürgern. Was wurden Selbige doch laut und aufgeregt nach Kölner Silvesternacht.

Während man in der Hamburger Hafenstraße wegen 0,5 Gramm Cannabis bürgerkriegsähnliche Zustände initiiert, lassen die gleiche Polizei und ähnlich fähige Dienste den NSU sich im Untergrund formieren und morden. Die Gewichtung der Staatsgewalt ist selbstredend. Man kann viel von institutionellem Rassismus lesen. Doch nix davon, diesen nicht zu dulden. Die Polizei wünscht Rassisten sogar "viel Erfolg" für ihr Anliegen. Folgenlos. "In Amerika gibt es keinen Rassismus", wurde mir mal ernsthaft geantwortet, als ich ein Paar danach fragte. Es kam von einer USA-Reise wieder ins Wendland. Geantwortet hatten welche, die sich als informierte, aufgeklärte, demokratische, weltoffene, tolerante, aufgeschlossene und moderne Menschen geben. In Kommunalpolitik und Justizia aktiv. Brave, gutbürgerliche Mitte. Der Ku-Klux-Klan nur eine Fata Morgana? Alles Selbstmörder, die toten Schwarzen, um die Cops mit rauchenden Colts stehen? Martin Luther King nur eine Fiktion? Deutschland hat einen Trump gar nicht nötig, solange es einen Gottberg hat, von dem man zum See Hofer müllert, um nach einem völkischem "Petry heil" ein Oettinger-Weißbier zu trinken. Inmitten der gutbürgerlich breiten Mitte - die zweifelhaft ist.

↔Bodo Arndt, Gühlitz

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