Online: 09.12.2016 - ePaper: 10.12.2016

Kein Mut, Erdogan Paroli zu bieten

Betrifft: Artikel "Szenen eines Zerwürfnisses" (EJZ vom 16. November)

Die Frage an die Politik, wie lange noch mit der Türkei diplomatische "Gespräche" geführt werden, ist wohl angebracht. Es riecht ganz stark nach Hilflosigkeit und Schwäche. Die deutsche Regierung wie auch EU-Gremien befinden sich in einem Dilemma, das sie selbst herbeigeführt haben. Beide politischen Ebenen haben keinen Mut, dem türkischen "Präsidenten" Paroli zu bieten.

Einige Gründe für diese Handlungsweise gibt es meiner Meinung nach folgende: 1. Die Türkei ist NATO-Mitglied. Aus der Geschichte der NATO kann ich erkennen, dass Demokratie in diesem Club nicht viel gilt. Es herrscht offensichtlich Einigkeit darüber, dass Diktaturen in diesem Club als gleichberechtigte Staaten anerkannt werden. Demokratie spielt da eine untergeordnete Rolle. Beispiele: Gründungsmitglied Portugal (Salasar), Griechenland (Patagos), Militärputsch Türkei (1960,71,80). 2. Das Flüchtlingsabkommen - da habe ich ein äußerst unangenehmes Gefühl. Bezogen auf die Flüchtlinge ist eine Kontrolle im positiven Sinne möglich, aber von türkischer Seite nicht erwünscht. 3. Die Stationierung von Bundeswehrangehörigen.

Demzufolge sehe ich eine Parallele zum Münchner Abkommen von 1938. Dieses Abkommen konnte nur zustande kommen, weil Großbritannien und Frankreich nach eigener Einschätzung nicht in Lage waren, gemäß des Versailler Vertrages Deutschland mit allen Mitteln in die Schranken zu weisen. Auf Grund dessen haben diese "edlen Herren" dem "Verhandlungspartner" Adolf Hitler das Sudetenland zur Einverleibung in das Deutsche Reich zugestanden. Soviel zur Schwäche eines Vertragspartners. Es waren dies die Herren aus Frankreich, Ministerpräsident Eduard Deladier und sein Aussenminister Georges Bonet, sowie der britische Premierminister Chamberlain. Was sich daraus entwickelte, ist bekannt.

Warum bringe ich diesen Vergleich? Die Türkei beteiligt sich unaufgefordert an der Auseinandersetzung mit dem IS und anderen terroristischen Gruppen. Besonders in den kurdischen Teilen vom Irak und in Syrien. Ich bin überzeugt, wenn das Gespenst IS erledigt ist, dass die Türkei in diesen kurdischen Teilen auf Dauer verbleibt. Die Schwäche und Uneinigkeit Europas wird dazu führen. Übrigens, am 17. November dieses Jahres behauptete Erdogan im pakistanischen Parlament, dass Europa den IS unterstützt und nicht bekämpft. So hat Adolf Hitler auch demagogisiert.

Mal sehen, wie sich Europa verhält, wenn der türkische Teil von Zypern mit dem griechischen Teil in die EU kommt. Ich gehe davon aus, dass sich die europäischen Heroen der Demokratie bemächtigen und dem Erdogan mittels der zyprischen Hintertür sein territoriales Lustgefühl verhageln. Ich gehe ferner davon aus, dass das vereinigte Zypern die europäischen Human Standards in seiner Verfassung festgeschrieben hat, zum Beispiel die Gleichstellung von Frau und Mann und vieles mehr.

Hugo Hager, Kapern

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