Online: 23.12.2016 - ePaper: 24.12.2016

Keine Burkaträgerinnen

Betrifft: "Merkels Strahlkraft sinkt" (EJZ vom 7. Dezember)

Was soll ein Verbot von etwas, das es nicht gibt, bewirken? Stimmungsmache. Das Schüren von Hass. Das Entgegenkommen an rechte Unvernunft. Das Verstecken eigener Hohlheit.

Im Nachrichtenmagazin "Hintergrund" (viertes Quartal 2016) findet sich ein Artikel vom Politik- und Islamwissenschaftler Fabian Köhler mit dem Titel: "Die vollverschleierte Debatte - Über die erfolglose Suche nach einer Burka in Deutschland". Köhler hat sich die Mühe gemacht, in Deutschland eine Burkaträgerin aufzustöbern. Auf Nachfrage beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und beim Innenministerium kam die Antwort: "Wir haben keine Burkaträgerinnen registriert". Die Burka - eine Erfindung der Medien? Bei vier publizierten Burka-Bildern steckten unter den Gewändern: eine Journalistin der Bildzeitung, zwei Aktivistinnen, die in der Burka gegen die Burka protestierten, und eine Nicht-Muslima, die mal ausprobieren wollte, wie sich das so anfühlt. Islamische Bekleidungsläden verkaufen verschiedene Schleier, nur keine Burka. Dem Afghanischen Frauenverein in Osnabrück sind keine Burkaträgerinnen in Deutschland bekannt. Der Imam der bestbesuchten Moschee in Hamburg lacht nur: "Nein, die gibt's hier gar nicht." Die afghanische Botschaft sagt, dass die Frauen Afghanistan entfliehen, um der Burka zu entkommen, nicht um sie hier zu tragen. Eine islamische Juristin meint, dass das Tragen der Burka nichts mit Frömmigkeit, sondern allein mit Sicherheit zu tun hat. In Afghanistan, nicht in Deutschland.

Trotzdem: Es gebe schätzungsweise zwischen 300 und 5000 Niqab-Trägerinnen. Der Niqab ist kürzer und hat kein Gitter, sondern einen offenen Schlitz für die Augen. Für West-Menschen auch nicht gerade ein erfreulicher Anblick. Die Frage wäre aber: Wer leidet mehr darunter: die Frauen oder wir? Wir haben keine gesicherten Erkenntnisse über die Motivation der Trägerinnen (und deren Männer). Sollten wir sie nicht mal fragen (wenn wir sie finden...), bevor wir etwas verbieten?

Seit 2010 gibt es Burka-Verbote in einer Stadt in Italien (bisher ein Niqab-Bußgeld), in Belgien (bisher keine Bußgelder), in der Schweiz (keine Bußgelder, nur Verwarnung von sechs Touristinnen aus den Golfstaaten) und in Frankreich (die Zahl von etwa 2000 vollverschleierten Frauen ist trotz Verbots nicht zurückgegangen, sondern eher gestiegen - wohl aus Protest).

Von mehr als zwei Millionen Muslima in Deutschland verhüllen höchstens 0,25 Prozent ihr Gesicht. Also: Hat Bundeskanzlerin Merkel keine anderen, keine wichtigeren Probleme? Glaubt sie damit wirklich Pegida-Anhänger ködern zu können? Auch das wäre postfaktisch (schönes neues Wunderwort).

Gertie Brammer, Karwitz

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