Online: 09.02.2017 - ePaper: 10.02.2017

Misogyne Strukturen reichen tief

Betrifft: Artikel "EJK: Nein zu Abtreibungen" (EJZ vom 4. Februar)

In der Dannenberger Klinik werden von nun an keine Abtreibungen mehr durchgeführt. Begründet wird dieser Schritt zunächst mit der eigenen christlichen Überzeugung und im Weiteren damit, dass für die Frauen doch auch meistens Lösungen zu finden seien. Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, fragt Dr. Börner sich lapidar, warum nicht einfach verhütet wird. Ich stand fassungslos vor dieser Entscheidung.

Abtreibung ist kein leichtes Thema. Eindeutige und einfache Antworten wird es in diesem Kontext mit Sicherheit nicht geben. Und dennoch kann es nicht sein, dass einzelne Männer in verhältnismäßig machtvollen Positionen politische Entscheidungen treffen, die Jahrzehnte gesellschaftlicher Debatten und frauenpolitischer Kämpfe ignorieren. Es ist eine Sache, für sich selbst zu beschließen, dass man als Mediziner Schwangerschaftsabbrüche nicht durchführen möchte, und dieses Recht möchte Herrn Dr. Börner niemand nehmen. Aber es ist eine vollkommen andere Sache, dies als öffentliche Agenda für das einzige Krankenhaus in unserem Landkreis zu verkünden; einer Institution, die allen Menschen offen steht und ihnen die gesetzlich verankerten Behandlungen ermöglichen sollte. Denn so ist es keine Glaubensfrage (mehr), sondern eine sexistische Intervention. Sexistisch deswegen, weil zum einen Frauen (wieder einmal) die alleinige Verantwortung für eine Schwangerschaft und ihre Folgen aufgebürdet wird und zum anderen die Frage der körperlichen Selbstbestimmung der Frau, bei der Entscheidungen überhaupt keine Rolle zu spielen scheinen.

Vor dem Hintergrund meiner Forschungserfahrung im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung bestätigt auch dieser Fall, wie tief misogyne Strukturen reichen, wenn Männer in Chefetagen weiterhin Entscheidungen treffen können, die frauenpolitische Errungenschaften aushebeln und sich dabei noch als Hüter der christlichen Moral präsentieren. Es wird auch an diesem Beispiel deutlich, dass paternalistisches Vorgehen ein zentrales Problem der fehlenden Geschlechtergerechtigkeit ist und bleibt - solange solche Männer ihre Positionen missbrauchen, um zu entscheiden, was Frauen eigentlich wirklich wollen oder brauchen und dabei bestenfalls naiv die Augen vor den gesellschaftlichen Auswirkungen verschließen, solange sie damit die Bedürfnisse und Mitspracherechte von den betroffenen Frauen marginalisieren.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Klinik diese Entscheidung noch einmal sehr bereuen wird, da ich bestimmt nicht die Einzige bin, die sich sehr gut überlegen wird, ob sie jedes weitere Kind noch in diesen Räumen kriegen möchte - und das obwohl das Hebammen-Team wirklich eine Wucht ist. Denn ich möchte, dass meine Kinder wirklich von Geburt an einen Landkreis erleben, der nicht auf der Welle des konservativen Backlash mitschwimmt, sondern der offene Räume bereit hält und emanzipatorische Werte verteidigt.

↔Dr. Ingrid Holst, Kolborn

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