Online: 10.02.2017 - ePaper: 11.02.2017

Missachtung von Frauen

Betrifft: Artikel: "EJK: Nein zur Abtreibung" (EJZ vom 4. Februar)

Der Frauenarzt Thomas Börner der Elbe-Jeetzel-Klinik outet sich als Christ. Als Chefarzt der gynäkologischen Abteilung verbietet er aufgrund seines christlichen Glaubens seinem Ärztekollektiv, zukünftig legale Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Nach seiner Auffassung haben die Frauen alle Möglichkeiten, kostengünstig ungewollte Schwangerschaften abzuwenden. Sie sind selbst schuld, wenn sich trotzdem eine Schwangerschaft einstellt. Der Klinikchef Dr. Markus Fröhling unterstützt ihn in der Entscheidung.

Es ist verwerflich von Herrn Börner als bekennender Christ, Frauen zu diffamieren. Welcher christliche Glaube lässt schwangere Frauen in unlösbaren Konfliktsituationen alleine? Darum geht es. Seit 1872 gibt es den §218 im Strafgesetzbuch. Neufassungen bis zur Gesetzesliberalisierung 1976 haben viel Überzeugungskraft, kirchliche und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen gekostet, um ein Recht auf Rat und Hilfe zu schaffen. 1976 sind von den Ministerien der Bundesländer anerkannte "Modellberatungsstellen §218" mit hochqualifizierten, geschulten, multiprofessionellen Mitarbeitern unter mehrjähriger wissenschaftlicher Begleitung eingerichtet worden. Kommunen, Kirche und freie Wohlfahrts-verbände haben sich beteiligt, psychosoziale Beratungen, Hilfen in Notlagensituationen für schwangere Frauen anzubieten. Hilfreich ist das Beratungsangebot sexualpädagogischer Informationen und Familienplanung, die den Schutz zugunsten des werdenden Lebens zulassen.

Ich habe 1976 eine Modellberatungsstelle aufgebaut. Aus vieljähriger Beratungstätigkeit kann ich sagen, ohne mich dem Verdacht der Missachtung werdenden Lebens auszusetzen, dass ich Frauen in Konfliktsituationen erlebt habe, wo keine andere Lösung als die des Schwangerschaftsabbruchs gefunden werden konnte. Durch das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz 1996 wurde das Recht des Schwangerschaftsabbruchs bundeseinheitlich neu geregelt. Das Strafgesetzbuch, das neue Schwangerschaftskonfliktgesetz und das neue Gesetz zur Hilfe für Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen in besonderen Fällen sind durch Urteil des BVG vom 28. Mai 1993 betroffen. Hier wird Wert gelegt auf die Beratung der schwangeren Frau. Wenn auch der Weg von der Liberalisierung des § 218 StGB bis heute viele Hindernisse überwunden hat, werden Frauen gestärkt Eigenverantwortung in ihrer Konfliktlage übernehmen. Nicht nur die EJK präsentiert das Bild der Missachtung von Frauen. Auch der Landkreis befindet sich in einer sozialen Schieflage. Die Gleichstellung erfüllt noch lange nicht die Lebenswirklichkeit von Frauen.

↔Iris-Isolde Mier, Prezelle

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