Online: 14.02.2017 - ePaper: 15.02.2017

Überkommene Strukturen an der EJK?

Betrifft: Kommentar "Scheinheilig" von Benjamin Piel (EJZ vom 8. Februar)

Ich freue mich immer, wenn ich Kommentare von Benjamin Piel lese, weil die so ausgewogen sind. Der Kommentar "Scheinheilig" zu Trump zeugt von seiner Fähigkeit, die Position dessen einzunehmen, auf den gerade alle einprügeln. So wertvoll und überraschend ich den Trump-Kommentar finde, weil er einen zwingt, ekelhafte Ähnlichkeiten zwischen Trump und dem eigenen Verhalten zu entdecken, lässt er mich doch auch ein bisschen ratlos zurück. Welche Handlungsempfehlung kann man denn nun daraus ableiten? Darf man erst dann wieder auf Missstände aufmerksam machen, wenn man selbst kurz vor der Heiligsprechung steht? So war es sicher nicht gemeint, und glücklicherweise traut Herr Piel seinen Leserinnen und Lesern zu, selbst zu denken, was immer dabei raus kommt.

Die einleitenden Worte von Benjamin Piel in der EJZ vom 8. Februar zeugen erneut von seiner Fähigkeit, die Position des Gehauenen einzunehmen. Nein, es ist nicht schön, dass jetzt alle auf dem Chefarzt Thomas Börner rumhauen, wo er doch gleich offenlegte, dass für ihn Abtreibungen nicht vertretbar sind und unter welchen Bedingungen er bereit ist, in der Klinik anzufangen. Kann man ihm tatsächlich so keinerlei Vorwurf machen? Doch, kann man. Warum bewirbt sich jemand an einer Klinik, deren Richtlinien nicht zu seinen Glaubenssätzen passen? Könnte man ihm dann sowas wie Erpressung vorwerfen, wenn auch aus seiner Sicht aus den edelsten Motiven heraus? "Entweder ihr nehmt mich, und unter mir gibt es keine Abtreibungen, oder ihr habt halt keinen Chefarzt." Klar, so kann man auch versuchen, die Welt zu verbessern. Offenbar hat die Klinik-leitung große Angst vor einer Chefarztlosigkeit, sodass man sich auf diese Forderung eingelassen hat. Was macht denn den Chefarzt-Posten so unverzichtbar? Welche Qualitäten machen diesen Posten aus? Welche Kompetenzen über die "normalen" ärztlichen hinaus muss man denn so mitbringen, damit man es zum Chef- oder Oberarzt bringt? Wissen die anderen ärztlichen Geschöpfe der Station nur dann, was und wie sie es zu tun haben, wenn es ihnen ein Obermufti in einer Art Wochenplan aufgrund göttlicher Eingebung mitteilt? Was hat es in unserer heutigen Zeit noch mit diesem Hierarchiedenken auf sich? Chefarzt, Oberarzt... Braucht man das? Sind das nicht überkommene Strukturen, auf denen man mal herumdenken könnte, anstatt verzweifelt nach einem Chefarzt zu rufen und ihn dann unter denkbar dämlichen Bedingungen einzustellen? Lässt sich das nicht anders lösen, beispielsweise in Form von Ärzte-Teams? Auch wenn jemand über viele Jahre Kompetenz in einem Bereich gesammelt hat, was die Vor-aussetzung für das Ergattern einer Chef- oder Oberarzt-Stelle ist, ist dieses Hierarchiedenken sicher nicht die einzige Lösung. Zum Glück gibt es so Leute wie Herrn Piel, die anderen zutrauen, selbst zu denken, was immer dabei raus kommt. Ich glaube, ich werde Piel-Groupie.

↔Dr. Cora Titz, Dannenberg

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