Online: 14.02.2017 - ePaper: 15.02.2017

Spuk, Kunst und Kenntnis

Betrifft: Artikel "Meister der leisen Töne" (EJZ vom 4. Februar)

Thomas Janssen schreibt kenntnisreich und einfühlsam über Giora Feidmans einzigartige Fähigkeiten auf der Klarinette und das ihn begleitende hervorragende Gershwin-Quartett. Zwei Stellen seines Artikels verdienen Kritik: Giora Feidman forderte zunächst das Publikum auf, bei "Dona Dona" mitzusingen, einem ursprünglich israelischen Volkslied, das seit den 60ern als Folksong weltweit bekannt ist. ­Danach gab er ein politisches Statement zum Palästina-Israel-Konflikt ab. Hierauf wiederum wurde aus dem Publikum "Wir wollen Frieden für alle" angestimmt (ebenfalls ein ursprünglich israelisches Volkslied). Diese spontane Gesangseinlage bezeichnet Herr Janssen als "Spuk", der "zum Glück" bald vorbei war. Es sei vergleichbar schlimm, wenn man die Schlagersängerin Alexandra nach Schubert anstimmen würde, nur weil beider Lieder von Bäumen handeln. Wenn der hochbegabte Giora Feidman sich unseren tief begabten Gesang anhört, uns ja selbst dazu animiert, warum ist es für Herrn Janssen ein Kulturschock? Wenn Giora Feidman Herrn Janssen persönlich aufgefordert hätte, mitzusingen, hätte er vielleicht erwidert: "Oh nein, Herr Künstler, wissen Sie, ich unterscheide da streng zwischen der (geistreichen) Klassik und dem (geistlosen) Schlager. Das Erstere ist für unsereins, das letztere fürs Volk an den Billigsendern. Ich singe deshalb nicht mit." Das angestimmte Lied "Wir wollen Frieden für alle" ist die deutsche Übertragung des hebräischen "Havenu shalom alejchim" und wird seit über 30 Jahren auf den Kirchentagen in Deutschland (und nicht nur da) gesungen. Es als "Spuk" zu bezeichnen, weil es nun im Konzertsaal und nicht auf der Straße angestimmt wird, ist verletzend.

Der zweite Kritikpunkt betrifft Herrn Janssens Zweifel an der Richtigkeit von Feidmans politischem Statement: Feidman bat uns darum, Palästinenser nicht mit Terroristen gleichzusetzen. Herr Janssen wendet ein, dass bereits palästinensischen Kinder indoktriniert würden. Wenn ein über 80-jähriger Mann wie Giora Feidman, der nach Jahrzehnten in Israel mit mehreren Kriegen und alltäglichem Terrorrisiko die innere Kraft aufbringt, zwischen Nation und Tätern zu unterscheiden, wie kann dann Herr Janssen, der ohne Kampf und Bomben warm und bequem im Wendland sitzt, diese ehrenwerte Haltung kritisieren?

↔Ulrike Neureither, Hitzacker

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