Online: 21.02.2017 - ePaper: 22.02.2017

Frauenzentrierte Geburtsbetreuung

Betrifft: Auseinandersetzung um die gynäkologische Abteilung in Dannenberg

Es besteht Einigkeit darüber, dass es jedem Mediziner freistehen muss, keine Abtreibungen durchzuführen. Einer ganzen Abteilung die Abtreibungen zu untersagen, ist eine patriarchale Geste, die - im wahrsten Sinne des Wortes - Bauchschmerzen verursacht. Jedoch: Der größere, weil nie erwähnte oder überhaupt gedachte Skandal als der des Abtreibungsverbotes, ist der, dass die übrigen reproduktiven Selbstbestimmungsrechte von Frauen nirgendwo und nie zur Sprache kommen.

Wo bleiben denn Focus, Spiegel und NDR, wenn die Dannenberger Klinik (damit liegt sie im Bundesdurchschnitt) Jahr für Jahr Kaiserschnittraten von über 30 Prozent aufweist, wie es unter der Leitung des vorherigen Chefarztes Dr. Schlicht gewolltermaßen der Fall war? Die Weltgesundheitsorganisation geht von einer medizinisch zu rechtfertigenden Kaiserschnitt-rate von zehn Prozent aus.

Welche Bundestagsabgeordneten kümmern sich um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen, ihren Geburtsort frei wählen zu dürfen? Dies wird derzeit sowohl durch Erschweren der Hebammenbetreuung als auch durch Zwangsuntersuchungen bei gewünschter Hausgeburt bedenklich eingeschränkt. Welche Einrichtung bietet Frauen angemessene Betreuung bei Fehlgeburten (ein weithin verschwiegenes Thema, das jedoch 15 bis 20 Prozent aller Schwangeren betrifft), die eine psychische Begleitung mit einschließt und auch die Information, dass bei einer Fehlgeburt mitnichten ein operativer Eingriff vorgenommen werden muss.

Wo werden im Landkreis Beratungen und Anpassung zu nicht-hormoneller Verhütung angeboten, sodass Frauen auch ohne die Eingriffe von Hormonpräparaten in ihren Körper sicher verhüten können? Verschwiegen wird auch wieder einmal die Möglichkeit der medikamentösen Abtreibung, die die Frauen nicht dem tätlichen Zugriff auf ihren Körper und der Prozedur der gynäkologischen Operation ausliefert.

Reproduktive und körperliche Selbstbestimmung von Frauen fängt nicht bei Abtreibung an und hört auch nicht dort auf.

Herr Börner hat in mir und einigen anderen die Hoffnung geweckt, dass er die gynäkologische und geburtshilfliche Abteilung in Dannenberg weiter humanisieren wird, die Zusammenarbeit mit den Hebammen weiter verbessert, die Kaiserschnittrate senkt (das bleibt abzuwarten, aber ich setze auf Sie, Herr Börner), kurz: eine frauenzentrierte Geburtsbetreuung weiter voranbringt.

Davon würden im Jahr circa 300 Frauen profitieren. Auch aus feministischer Sicht wäre es mir deshalb wichtiger gewesen, Herr Börner bliebe der Abteilung erhalten und 31 Schwangerschaftsabbrüche fänden andernorts statt.

Maura Rammer, selbstständige Hebamme, Bösen

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